16.01.2012
GROSSENSEE/DETMOLD
Arzu Özmen: Entführt und getötet
Leiche von 18-jähriger Arzu Özmen in Schleswig-Holstein gefunden / Todesursache unklar
VON MATTHIAS BENIRSCHKE, HELGE TOBEN UND JENS BURMESTER



Großensee/Detmold. Detmold, die Nacht zum 1. November vergangenen Jahres: Die 18-jährige Kurdin Arzu Özmen ist bei ihrem Freund Alex. Gegen 1.30 Uhr drängen sich fünf Menschen in die Wohnung in der Talstraße. Alex und zwei Freunde berichten später, dass sie mit einer Handfeuerwaffe bedroht wurden. Die Täter brechen Alex einen Finger und verschleppen die junge Frau. Zweieinhalb Monate später, am vergangenen Freitag, finden Golfplatz-Angestellte im schleswig-holsteinischen Großensee eine Frauenleiche in einem Gebüsch. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist es Arzu Özmen.

Mit einer endgültigen Bestätigung hielt sich Staatsanwalt Michael Kempkes gestern aber noch zurück. Er wolle den Abgleich von Gewebeproben und DNA abwarten, sagte er. Zwei Mitarbeiter des Golfclubs hatten am Freitagvormittag bei einer Kontrollrunde die grausige Entdeckung gemacht.

Der leblose Körper lag zwischen Ästen unter einer Baumgruppe im Unterholz neben der zweiten Bahn. Die Leiche war bekleidet, allerdings soll die Jeans offenbar so heruntergezogen gewesen sein, dass man einen dunklen Slip mit hellen Punkten deutlich erkennen konnte. Auffällig war ein breiter dunkler Gürtel, den die Tote um die Hüften trug. Die 18-Jährige wurde wohl nicht am Fundort getötet, sagt die Polizei. Und, dass die Frau "eines gewaltsamen Todes" gestorben ist. Mehr wollen die Ermittler erst mal nicht preisgeben.

Die Polizei glaubt, dass fünf ihrer Geschwister sie entführt haben, vier Brüder und eine Schwester. Alle sind seit Wochen in U-Haft. Einer der Brüder räumte ein, dass die Geschwister Arzu "den Kopf waschen" wollten. An der Entführung habe er aber nicht teilgenommen. Eine Tötung von Arzu verneinte er. Ansonsten schweigen die fünf. Schon seit längerem ging die Polizei davon aus, dass Arzu nach der Verschleppung getötet wurde. Allen fünf wurde entsprechend Geiselnahme mit Todesfolge vorgeworfen.

Die Familie Özmen stammt aus einem Dorf mit 300 Einwohnern im Kurdengebiet im Süden der Türkei. Seit gut 25 Jahren lebt sie in Deutschland: die Großeltern, die Eltern und die zehn Kinder, alle mit deutschem Pass. Sie bekennen sich zum Jesidentum, einer eigenständigen Religion. Eine Regel sagt: Wer sich mit einem Nicht-Jesiden zusammentut, wird aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Alex ist kein Jeside. Bis zum Sommer galt die Familie als ruhig und rechtschaffen. "Die Familie Ö. ist eigentlich ein Paradebeispiel für eine gelungene Integration", sagte Anwalt Detlev Binder, der einen der inhaftierten Brüder vertritt, im Dezember.

Was geschah im Sommer? Arzu jobbt in einer Bäckerei. Dort muss es gefunkt haben zwischen der jungen Frau mit den langen schwarzen Haaren und dem fünf Jahre älteren Bäckergesellen. Eine verbotene Liebe. Ende August ist ein Fall "häuslicher Gewalt" aktenkundig. Die junge Frau soll von Familienmitgliedern verprügelt worden sein. Sie flieht ins Frauenhaus, schneidet sich die Haare, färbt sie blond. "Die Familie Ö. hat intensiv nach der Tochter gesucht", so Jürgen Heinz, Leiter der Sonderkommission "Talstraße", "Frauenhäuser angeschrieben, das Umfeld befragt." Arzu sei geraten worden, nicht zu Alex zu gehen. In der Nacht zum 1. November hält sie es nicht mehr aus, übernachtet bei Alex, ein verhängnisvoller Fehler.

Die Beamten stießen bei Befragungen in der großen Familie und im Umfeld immer auf eine Mauer des Schweigens. Mehrmals durchsuchten Hundertschaften Waldgebiete in OWL. Auch in der Türkei wurde ermittelt. Im Detmolder Ortsteil Remmighausen fanden sich gestern rund 100 Menschen zum Gedenken an Arzu vor der Bäckerei ein und entzündeten Kerzen.

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 16.01.2012 um 11:03:33 Uhr
Letzte Änderung am 16.01.2012 um 11:19:16 Uhr


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