16.01.2012
DETMOLD/ GROSSENSEE - UPDATE
Fall Arzu: Detmolder Polizei übernimmt Ermittlungen
Trauermarsch am Samstag

Ermittler suchen nach Spuren auf dem Golfplatz bei Lübeck.
Ermittler suchen nach Spuren auf dem Golfplatz bei Lübeck. | FOTO: DPA

Detmold/ Grossensee (nw/cap). Die Ermittlungen im Fall Arzu Özmen aus Detmold gehen weiter. Die Polizei Detmold hat jetzt die Untersuchung in Schleswig-Holstein übernommen. Der Detmolder Staatsanwalt Michael Kempkes kenne mittlerweile die Todesursache, werde sie aber aus ermittlungstechnischen Gründen vorläufig nicht nennen, sagte er am Montag. Unklar sei weiterhin der Todeszeitpunkt. Sicher sei aber, dass die am Freitag in Großensee östlich von Hamburg gefundene Frau gewaltsam ums Leben gekommen sei.

Eine letzte Gewissheit fehle allerdings noch immer, dass es sich bei der Leiche um die seit dem 1. November vermissten Arzu Özmen aus Detmold handele, so die Polizei. Auch drei Tage nach dem Fund der Leiche in Schleswig-Holstein sei noch nicht bewiesen, dass es sich um die vermisste Kurdin handelt.

Info
Trauermarsch und Kundgebung

Freunde von Arzu Özmen, die auch die Facebook-Gedenkseite für die 18-Jährige unter dem Namen "Arzu Lena Özmen" betreiben, haben in Zusammenarbeit mit der bekannten Buchautorin und Menschenrechtlerin Serap Cileli und dem Verein "Peri e.V." einen Trauermarsch mit anschließender Kundgebung auf dem Detmolder Marktplatz organisiert. Laut Pressemitteilung treffen sich die Teilnehmer jetzt erst am Samstag, 21. Januar, um 16 Uhr an der Bäckerei "Ihr Bäcker e.K.", Hornsche Straße 239, in Remmighausen. Von dort wollen die Teilnehmer bis zum Detmolder Marktplatz marschieren.

Die Ermittler glauben, dass die 18-Jährige am 1. November von fünf ihrer Geschwister verschleppt wurde. Vier Brüder und eine Schwester sitzen in Untersuchungshaft. Grund für die Gewalttat war nach Überzeugung der Ermittler, dass die Familie die Liebesbeziehung der Tochter zu einem Bäckergesellen nicht tolerieren wollte. Die Familie gehört zur Glaubensrichtung der Jesiden. Diese erlaubt streng genommen keine Beziehung zu einem Nicht-Jesiden.

Minimalkonsens war, Arzu von ihrem Freund wegzuholen

Der Anwalt eines der inhaftierten Brüder, Detlev Binder, erwartet, dass nach dem Fund der Leiche nun Bewegung in den Fall kommt. Die Interessenlage der Verdächtigen habe sich geändert. Es scheine klar zu sein, dass alle fünf als Minimalkonsens den Plan hatten, Arzu von ihrem Freund wegzuholen. Unmittelbar nach dem Verlassen der Wohnung habe sich die Gruppe aber getrennt. Die Geschwister hätten bislang weitgehend geschwiegen. "Jetzt muss jeder für sich entscheiden, ob er dabei bleibt", sagte Binder.

Am Sonntagabend hatten sich rund 150 Menschen spontan zu einer Trauerkundgebung vor dem Elternhaus von Arzu Ö. in Detmold und der nahe gelegenen Bäckerei versammelt, in der Arzu gejobbt hatte. Sie zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. "Wir sind alle sehr, sehr traurig und schockiert", sagte Bäckermeister Johannes Müller. In seinem Laden hatten sich Arzu und der Bäckergeselle kennengelernt.

Nach Prügel flieht Arzu ins Frauenhaus

"Die Familie hatte immer gesagt, dass sie nicht zulassen würde, wenn Arzu mit einem anderen, also einem, der nicht Jeside ist, gehen würde", sagte Müller. Ende August 2011 wird Arzu verprügelt, sie zeigt die eigene Familie an und flieht ins Frauenhaus. "Ihre Mutter und auch Geschwister haben uns damals gefragt, wo Arzu ist", erzählte der Bäcker. "Dann habe ich gefragt, was sie denn mit Arzu machen würden, wenn sie sie finden", sagte Müller. Diese Beziehung würden sie nie tolerieren, sei die Antwort gewesen.
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Auch die große Schwester, die jetzt in Haft sei, habe geantwortet: "Das geht überhaupt nicht." Damals habe er einfach geschwiegen, sagte der Bäckermeister. "Ich habe doch nie und nimmer gedacht, dass die Familie Ernst macht." Er spüre die Wut der Menschen. Einige Kunden hätten sich gewundert, dass die Eltern noch auf freiem Fuß seien. Arzus Vater, ebenso wie seine Frau und die zehn Kinder, ist deutscher Staatsbürger. Er gilt zwar als Beschuldigter. Es gebe aber keine Beweise und damit keine Grundlage für einen Haftbefehl, sagte Kempkes. Während am vergangenen Freitag ein Mann die Leiche im fast 270 Kilometer entfernten Großensee entdeckt hatte, hatte die Polizei das Haus der Familie in Detmold durchsucht. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Die verzweifelte Suche nach Arzu Özmen

Detmold (lnw). Seit mehr als zwei Monaten beschäftigt der Fall Arzu Ö. die Polizei. Die Chronologie der Ereignisse:

1. November: Die 18-jährige Bäckereiverkäuferin Arzu Ö. aus Detmold verschwindet. Nach Ansicht der Ermittler wurde die Kurdin von ihren Geschwistern aus der Wohnung ihres Freundes verschleppt. Seit Anfang November sitzen deshalb die vier Brüder und die Schwester in Untersuchungshaft. Das Elternhaus wird ein erstes Mal durchsucht. Zeugen sagen unabhängig voneinander aus, in der mutmaßlichen Tatnacht Schüsse gehört zu haben.

10. November: Die Polizei durchsucht über mehrere Tage ein Waldgebiet bei Blomberg-Dalborn.

16. November: Eine Hundertschaft durchkämmt mit Spürhunden ein etwa 15 Hektar großes Wald- und Wiesengebiet in Detmold.

5. Dezember: Die Polizei setzt 5.000 Euro zur Belohnung für Hinweise aus, die zur Aufklärung der Tat, Ermittlung der Täter, insbesondere aber auch zur Auffindung der verschleppten Frau führen.

12. Dezember: Einer der inhaftierten Brüder legt Haftbeschwerde ein. Das Oberlandesgericht entscheidet am 29. Dezember: Er muss im Gefängnis bleiben - wegen dringenden Tatverdachts.

14. Dezember: Der Fall wird in der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY ungelöst" aufgegriffen.

15. Dezember: Das Bundeskriminalamt schaltet in dem Fall per Rechtshilfeersuchen die Kollegen in der Türkei ein, um im Umfeld der Familie zu ermitteln.

13. Januar 2012: Eine Leiche wird in Großensee in Schleswig- Holstein gefunden. Die Polizei behält sich die eindeutige Identifizierung bis zum Abgleich von Gewebeproben vor. Dass es sich um Arzu Ö. handelt, ist jedoch höchst wahrscheinlich. Ermittler durchsuchen zum zweiten Mal das Elternhaus.

Dokumenten Information
Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Dokument erstellt am 16.01.2012 um 15:07:43 Uhr
Letzte Änderung am 16.01.2012 um 17:56:07 Uhr


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