19.01.2012
DETMOLD
Arzus Bruder Kemal bricht sein Schweigen
Umstände von Arzus Tod weiterhin unklar - Gottesdienst am Freitag
VON MARTIN HOSTERT

Vor dem Gedenktisch für die ermordete Jesidin
Vor dem Gedenktisch für die ermordete Jesidin | Foto: Preuss

Detmold-Remmighausen. Im Fall der getöteten Kurdin Arzu Özmen sind auch nach der umfassenden Aussage eines Bruders die Todesumstände ungeklärt. Der kurz nach der Entführung am 1. November inhaftierte Kemal Özmen habe bei seiner mehrstündigen Vernehmung eine Beteiligung an der Tötung abgestritten, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit.

Kemal (24) hatte zugegeben, mit drei Brüdern und einer Schwester am 1. November gegen 1.15 Uhr in die Wohnung von Arzus Freund in Detmold eingedrungen zu sein. Sie hätten die 18-jährige Schwester aus der Wohnung geschleppt. Eigentlich sei geplant gewesen, Arzu in Kemals Wohnung in Steinheim zu bringen und dort auf sie einzuwirken, damit sie die missliebige Beziehung zu dem Bäckergesellen Alexander aufgibt.

Nach Kemals Aussage soll sich die Gruppe aber getrennt haben.
Kemal und sein Bruder Elvis (21) seien nach Steinheim gefahren, die drei anderen Geschwister mit Arzu zu einem unbekannten Ziel. Die Geschwister Sirin, Kirer und Osman, die mehr über die Todesumstände wissen könnten, schweigen. Alle fünf sitzen seit Anfang November in Untersuchungshaft.

Gottesdienst soll Raum für Trauer bieten

Zu Freitag lädt die Kirchengemeinde zum Gottesdienst in Gedenken an die ermordete Arzu Özmen ein. Pastor Dieter Bökemeier will den Remmighausern und den Freunden von Arzu Gelegenheit und Raum zur Trauer geben. "Dafür braucht es einen Ritus", weiß der Pfarrer. Der Mord an Arzu hat das Dorf voll erfasst, spätestens seit dem Wochenende "merkt man es in jedem Zusammenhang", berichtet er. +

Es gibt viele frische Blumen vor der Bäckerei, in der Arzu jobbte, dort brennen Kerzen. Und eben noch, im Frauenkreis, sei sein vorbereitetes Thema irrelevant geworden, sagt Bökemeier: "Jede erzählt etwas. Dass sie bei Arzu Brötchen gekauft habe. Dass der Mann beim Einbürgerungsantrag geholfen habe. Die Familie stellte ein Musterbeispiel an Integration dar." Dem Entsetzen, ein Mord im Dorf erlebt zu haben, müsse nun ein Innehalten folgen.

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Wie aber wird der Pastor den Gedenkgottesdienst am Freitag gestalten, welche Worte wird er sprechen? Zuvor will er sich mit einem heimischen jesidischen Geistlichen, einem Pir, treffen. Ein Pir gehört nach dem Sheik dem zweithöchsten geistlichen Stand an, er hält Trauerfeiern, schließt Ehen. Er wird am Freitag dabeisein.

Sicher ist, dass ein christlicher Gottesdienst gefeiert werden wird. Es wird Gelegenheit geben, Trauer symbolisch auszudrücken - etwa durch Entzünden einer Kerze. Viele aus dem Dorf wollen den Gottesdienst mitgestalten, Freundinnen Arzus bereiten eine Präsentation mit Bildern und Videos aus dem Leben der Ermordeten vor.

"Dieser Mord macht nicht nur hilflos und traurig, er verstört zutiefst," sagt Bökemeier. Es ist ein schlimmes, aber ein einzelnes Verbrechen geschehen, das auch durch Vorschriften und Riten des jesidischen Glaubens nie und nimmer gedeckt sei. Wichtig, sei, vernünftig zu bleiben, betont Bökemeier mit Blick auf Hasstiraden auf Ausländer und verallgemeinernde Meinungsäußerungen gegen Jesiden im Internet.

Die sogenannte "Ehrenkultur", mit der die Mörder ihr Handeln rechtfertigten, knüpfe an ein Verbot für Jesiden an, Andersgläubige zu heiraten. Arzu habe aus Sicht ihrer Mörder anscheinend eine Grenze überschritten - "normalerweise ist da höchstens der Ausschluss aus der Familie denkbar." Normalerweise. Jetzt sitzen fünf Geschwister in Haft und schweigen, und wo ihre Schwester beerdigt werden wird, ist völlig offen.

Der Gottesdienst beginnt um 19 Uhr in der Friedenskirche Remmighausen.

Dokumenten Information
Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Dokument erstellt am 18.01.2012 um 20:56:20 Uhr
Letzte Änderung am 19.01.2012 um 16:40:11 Uhr


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