27.01.2012
DETMOLD
Psychologie-Professor über "Ehrenmorde" und den Fall Arzu Özmen
Jan Ilhan Kizilhan: "Es geht immer um Besitz"

Untersuchte Gewalttaten
Untersuchte Gewalttaten | FOTO: PRIVAT

Bielefeld. Der Fall Arzu Özmen heizt die Debatte um so genannte Ehrenmorde weiter an. Wie wird ein Mann zum "Ehrenmörder"? Der Psychologie-Professor Jan Ilhan Kizilhan leitet an der Universität Freiburg die Arbeitsgruppe Migration und Rehabilitation und hat die Sozialisation und Überzeugung von 21 türkischstämmigen Männern untersucht, die wegen Mordes an Angehörigen in Deutschland in Haft sitzen. Laut seiner Studie wird die Zahl ähnlich gelagerter Fälle weiter zunehmen, sagt Kizilhan im Gespräch mit Sandra Spieker.

Herr Kizilhan, wie beurteilen Sie den Fall Arzu Özmen?

JAN ILHAN KIZILHAN: Neu ist an diesem Fall, dass anscheinend Mitglieder der zweiten Generation einer Migrantenfamilie, die in Deutschland aufgewachsen sind, an der Tat beteiligt waren. Sonst sind es meist Familienmitglieder der ersten Generation, die solche Taten durchführen. Neu ist auch, dass wohl gleich vier oder fünf Familienmitglieder gemeinsam agiert haben. Sonst ist es so, dass sich nur ein Mitglied zur Tat auserkoren sieht oder von der Familie angeordnet wird, die Tat zu begehen.

Wer ist für Sie ein "Ehrenmörder" und welche Vorstellungen von Ehre hat so jemand?

KILZILHAN: Das sind Personen, die ihre Normen und Werten so sehr verletzt sehen, dass sie sich sich dazu legitimiert fühlen, sie durch die Tat wieder herzustellen. Diese patriarchische Vorstellung von Ehre ist eng verbunden mit der Sexualität. Wenn sich eine Frau abnabelt und sich sexuell frei verhält, fühlt sich der Mann verpflichtet zu handeln, um die Ehre wieder herzustellen. Es geht in hohem Maße immer um Besitz: Er will zeigen, dass er die Kontrolle über sein Eigentum, die Frau, hat, ansonsten gilt er für die Gesellschaft als schwach und wird von ihr abgelehnt.

Sind die Taten religiös bedingt?

KIZILHAN: Sie werden so interpretiert. Dabei sind sie eine viel ältere Tradition, die in manchen Gesellschaften noch akzeptiert wird. Solche Fälle gibt es sogar in manchen christlichen Kulturen.

Bei einem Mord innerhalb einer Familie deutscher Herkunft würde man von einer Beziehungstat sprechen. Was ist hier anders?

KIZILHAN: Da gibt es psychische Unterschiede. Bei einem deutschen Ehemann geht es um einen inneren Konflikt, ausgelöst durch Eifersucht oder Verlust. Bei einem Ehrenmörder spielt auch der soziale Konflikt eine Rolle, die Gruppe. Es dreht sich alles um die Frage: Was denken die Verwandten? Sind wir schwach?

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In Ihrer Studie sagen sie voraus, dass die Zahl solcher Morde in Deutschland in den nächsten 15 Jahren weiter steigen wird. Woran machen Sie das fest?

KIZILHAN: Es geht dabei um einen Generationenkonflikt. Die ältere Generation verliert an Macht, die nachfolgende Generation will ihre behaupten. Das führt zu einer Übergangsphase mit Krisen. Erst wenn die dritte oder vierte Generation selbst erwachsene Kinder hat, kann eine Mentalitätsänderung erfolgen.

Was kann getan werden, damit es nicht zu "Ehrenmorden" kommt?

KIZILHAN:
Verhindert wird das nur durch Mentalitätsänderung. Durch Aufklärung in Schulen, Kindergärten. Jugendliche müssen zu Multiplikatoren werden. Die meisten haben keine wirkliche Kenntnis über den Ehrbegriff, sondern führen einfach Taten aus. Die Aufklärung muss auf jeden Fall von innen, aus der eigenen Kultur, kommen - über Dritte wird es schwierig. Aber so lange einige Menschen solche Morde heimlich begrüßen, wird es sie weiter geben.

Hätte der Mord an Arzu Özmen verhindert werden können?

KIZILHAN: Sie hätte sich vielleicht von ihrer Familie komplett abnabeln und weit wegziehen müssen. Die erste Phase nach der Trennung ist die gefährlichste. Sie hat die Warnungen im Frauenhaus offenbar nicht ernst genug genommen.

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Dokument erstellt am 27.01.2012 um 11:02:19 Uhr
Letzte Änderung am 27.01.2012 um 11:13:39 Uhr


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