16.02.2012
DETMOLD
Ex-Detmolder spricht über ein extremes Experiment
Timm Kruse hat 40 Tage gefastet und darüber ein Buch geschrieben
VON BARBARA LUETGEBRUNE

Ballastabwerfen
Ballastabwerfen

Detmold/Kiel. Timm Kruse hat gefastet. 40 Tage lang hat er auf feste Nahrung verzichtet, sich nur von verdünnten Säften, Brühe oder Buttermilch ernährt. Über seine Erfahrungen hat der Ex-Detmolder ein Buch geschrieben.

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Persönlich

Timm Kruse wurde 1970 in Detmold geboren, hat am Leopoldinum Abi gemacht, dann Sprach- und Literaturwissenschaften in Saarbrücken und Wolverhampton studiert. Nebenbei arbeitete er für deutsche Zeitungen. Seit 1997 ist er Fernseh-Redakteur, unter anderem für das ZDF. Heute lebt er als Autor in Kiel. Weitere Infos: www.gekritzeltes.de.

Am Montag ist "40 Tage Fasten" erschienen. Der Untertitel: "Von einem, der mal Ballast abwerfen wollte". Und das ist in der Tat der Ansatz, mit dem Timm Kruse an das, wie er selbst einräumt, "extreme" Experiment herangegangen ist. Die 40 Tage sind keineswegs willkürlich gewählt: Das ist die Spanne, die laut Überlieferung auch Jesus, Moses oder Buddha gefastet und am Ende eine Erleuchtung erlebt haben.

Timm Kruse ist nicht religiös, aber diese Überlieferungen, die haben ihn interessiert. Die LZ sprach mit dem Ex-Detmolder, der am 29. März ab 19.30 Uhr im Buchhaus am Markt aus seinem ersten Buch lesen wird - und gerade dabei ist, das Hörbuch zum zweiten aufzunehmen.

Herr Kruse, eigentlich wollen wir ja über das Fasten reden, aber worum geht es denn im zweiten Buch?

Timm Kruse: Ich habe acht Monate einen indischen Guru auf seinen Reisen durch Amerika und Europa begleitet. Es war völlig abgedreht, aber auch ein wirklich tolles Erlebnis. Davon erzähle ich in "Fast Guru".

Das heißt aber, Sie brauchen nach wie vor Projekte wie das Fasten oder die Tour mit dem Guru, um glücklich zu sein?

Kruse: Nein, im Moment nicht mehr. Meine Freundin hat es neulich bemerkt. Sie hat mich gefragt: "Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass du gar nicht mehr auf der Suche bist?" Und das stimmt. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich nicht mehr an die große Erleuchtung glaube. Beim Reisen mit dem Guru habe ich etwa gemerkt, wie unerleuchtet der war. Ich mag Spiritualität, aber nur, wenn sie nicht zum Selbstzweck wird.
Und auch die 40 Tage fasten haben mir keine Erleuchtung gebracht.

Haben Sie überhaupt etwas mitgenommen aus dieser Zeit?

Kruse: Die Erkenntnis, dass wir im Paradies leben, dass  wir alles haben, was wir brauchen und uns wünschen - und zwar zu jeder Zeit. Bei mir hat sich in dieser Zeit eine Dankbarkeit manifestiert, und die ist geblieben. Ich bete zwar  nicht - das wäre mir zu viel Brimborium -, aber ich bin vor jedem Essen kurz bewusst dankbar.

40 Tage lang haben Sie gar nichts gegessen. Ist Ihnen das Fasten sehr schwer gefallen?

Kruse: Auf körperlicher Ebene gar nicht, das ging ganz leicht, wirklich super. Es ist ja zum Glück auch gut gegangen, ich habe keine schwerwiegenden gesundheitlichen Probleme gehabt. Im Gegenteil: Während des Fastens habe ich beim Belastungs-EKG eine Leistung von 400 Watt geschafft. Das ist ein Wert, den Spitzensportler erreichen. Insofern sollte das Buch auch Sportlern zu denken geben - vielleicht sollten sie vor Wettkämpfen öfter mal fasten.

Wenn der körperliche Part kein Thema war, gab es auf psychischer Ebene Probleme?

Kruse: Die Auseinandersetzung mit dem Prozess des Fastens und seinen Folgen hat mich schon sehr beschäftigt. Zum Beispiel habe ich mich auf sozialer Ebene komplett zurückgezogen. Die Freundschaft zu meinen Mitbewohnern ist an diesem Experiment zerbrochen. Generell bin ich fast überall auf Unverständnis gegenüber meinem Projekt gestoßen. Dabei hilft inzwischen übrigens das Buch. Gerade letzte Woche habe ich es meinem ehemaligen Mitbewohner geschenkt - jetzt sagt er: "Endlich verstehe ich dich."

Sie haben während des Fastens viele Vorsätze zu einer gesunden Ernährung gefasst. Haben Sie alle eingehalten?

Kruse: Nein, nicht alle, aber Fleisch esse ich immer noch nicht wieder. Höchstens bei Einladungen, da mag ich keine Extrawurst gebraten haben. Süßigkeiten habe ich allerdings wieder genascht. Das hätte ich bleiben lassen sollen. Sie machen tatsächlich süchtig, und die beim Fasten geübte Selbstdisziplin hat längst nachgelassen. Ganz generell versuche ich weiterhin, bewusst zu essen.

Sie hatten sich ja auch vorgenommen, jeden Montag einen Fastentag einzulegen...

Kruse: Im Moment mache ich das auch. Aber das wird sich verläppern, wie vieles im Leben. Mit der Nachhaltigkeit ist das so eine Sache. Die 40 Tage Fasten bleiben für mich als besondere Erfahrung bestehen - aber was bleibt schon wirklich haften, gerade an positiven Erlebnissen? Wenn ich einen Verwandten verliere oder bei einem Unfall ein Bein einbüße - das sind Ereignisse mit nachhaltiger Wirkung. Aber Glücksmomente verblassen in der Regel.

Würden Sie das Experiment wiederholen?

Kruse: Ich würde es nicht wieder machen. Jedes Jahr einmal zwischen sieben und neun Tagen fasten - ja. Aber keine 40 Tage mehr. Ich habe es gemacht und ich habe meine Erkenntnis gehabt: Wir leben im Paradies, das weiß ich jetzt. Und ich denke, da kann nichts mehr drüber kommen.

Dokumenten Information
Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Dokument erstellt am 15.02.2012 um 21:18:05 Uhr
Letzte Änderung am 15.02.2012 um 23:20:35 Uhr


URL: http://www.lz.de/kultur/kultur_in_lippe/?em_cnt=6111218&em_loc=13