HNO-Arzt Dr. Stephan Rehse empfiehlt beim Spielzeugkauf auch einen Blick auf den Lärmpegel
Detmold (co). Die große Stille erleben Babys auch im Körper der Mutter nicht. Wenn sie auf die Welt gekommen sind, wird die Geräuschkulisse jedoch differenzierter. Zu möglichen Hörschäden durch Lärm befragte die LZ den Hals-, Nasen-, Ohrenarzt Dr. Stephan Rehse (37).
Dr. Rehse hat Spielzeug von seiner zweieinhalbjährigen Tochter Lisa-Marie mitgebracht. Da liegen Plüschtiere, ein gelbes Entchen, eine Kunststoffkugel, in die passende Plastikteile gedrückt werden müssen, und ein Buch. Um die Lautstärke messen zu können, zieht er ein Schallpegelmessgerät hervor.
Bei unserer Unterhaltung zeigt es 60 Dezibel an, die Quietschente lässt den Pegel kurzzeitig bis 93 Dezibel ausschlagen.
Hören
Der Schall dringt beim Hören in den Gehörgang, wird vom Trommelfell aufgenommen und über die drei Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel an die Hörschnecke im Innenohr geleitet. Dort wandeln Sinneszellen den Schall in Nervenimpulse um, die dann ins Gehirn weitergeleitet werden. Bei Knalltraumata oder Dauerlärm wird der Sinneszellapparat überbeansprucht oder dauerhaft geschädigt - eine Schwerhörigkeit ist die Folge. Kleine Kinder hören besser als Erwachsene. Im Laufe des Lebens können wir Menschen in der Regel vor allem hohe Töne zunehmend schlechter hören.
Das Schütteln der Rassel misst einen ähnlichen Wert. "Es ist schon überraschend, wie laut Spielzeug ist", kommentiert der 37-Jährige. Trotzdem: "Von solchem Spielzeug nehmen Kinder keinen Dauerschaden."
In Betrieben müssten Bereiche, in denen ein Dauerpegel ab 85 Dezibel herrscht, als Lärmschutzbereich gekennzeichnet und dort ein Lärmschutz getragen werden. Ein solcher Wert werde in Kindergärten jedoch zumindest kurzzeitig auch oft erreicht. Nachweislich stiege bei einer lauten Geräuschkulisse Blutdruck und Puls. "Das lässt sich auch bei Kindern messen." Diese verbrächten heute viel mehr Zeit in Gruppen und kämen dann weniger zur Ruhe.
Grundsätzlich komme das Ohr mit kurzzeitigen Belastungen besser zurecht, als mit Dauerlärm. Schaden nehmen könne das Gehör jedoch bei kurzem lautem Knallen von Böllern oder Spielzeugpistolen.
Durch die Druckwelle eines Böllers könne es sogar einen Riss im Trommelfell geben - was dann nur durch eine Operation behoben werden kann. Das Innenohr regeneriere sich in der Regel spätestens zwei Wochen nach einen Knalltrauma, wenn der Schall nur sehr kurz auf das Innenohr wirke.
Einflüsse von MP-3-Playern oder Discobesuchen ihrer älteren Sprösslinge müssten Eltern mehr Anlass zur Sorge geben, meint Dr. Stephan Rehse. Der Dauerlärm in Discos oder auf Konzerten führe nicht selten zu dauerhaften Innenohrschäden und Tinnitus.
Für den Mediziner hat das Thema vor allem eine gesellschaftliche Komponente: "Es ist besorgniserregend, dass wir Kinder eher an technische Dinge setzen, als selbst mit ihnen Zeit zu verbringen und zum Beispiel in den Wald zu gehen." Deshalb schätzt der Vater Bücher und liest seiner Tochter gern vor.