Lemgo. Jutta Mertinat war 43 Jahre alt, als sie ihren Sohn Paul zur Welt brachte. Spätes Elternglück, das die heute 46-jährige Lemgoerin und ihr Ehemann Thomas nicht mehr missen möchten.
Es ist 19 Uhr. Paul liegt mit seinem heißgeliebten Teddy, den er liebevoll auf den Namen Flohmarkt getauft hat, im Bett. Seine Mama betritt das Zimmer. Der Knirps sorgt sofort in seinem Stofftierlager für Platz, damit sich Mama zu ihm legen kann. Zwischen Häschen, Wolf und Schaf wohl gebettet, will es der Dreijährige wissen: "Mama, erzähl doch mal, wie war dein Tag?" Jutta Mertinat lächelt: "Das sind die Momente, die meinen Blick auf die Welt geändert haben", sagt sie lächelnd.
Eine Welt, die geprägt war durch ihren Beruf als Kindergartenleiterin in Lieme, den sie seit fast 25 Jahren ausübt. "Eigene Kinder waren für mich kein Thema. Ich hatte ja täglich genug um mich herum. Mein Beruf war mein Ein und Alles und ich hatte irgendwie mit dem Thema abgeschlossen", erinnert sie sich.
Spätes Elternglück
Popikone Madonna und TV-Moderatorin Sandra Maischberger haben eins gemeinsam: Sie bekamen mit über 40 Jahren ein Kind. Während vor wenigen Jahrzehnten nur die negativen Aspekte einer späten Mutterschaft gesehen wurden, liegt spätes Elternglück heute zunehmend im Trend. Laut Gender Datenreport der Bundesregierung hatten 1991 nur 0,8 Prozent der erstgeborenen Kinder eine Mutter von 40 Jahren und älter – im Jahr 2003 waren es bereits 3,9 Prozent, Tendenz weiter steigend. Seit Anfang der 90er Jahre nimmt der Anteil später ehelicher Erstgeburten von Frauen ab 35 Jahren stetig zu, er hat sich innerhalb von zwölf Jahren fast verdreifacht. Der "Geburtenwandel" bei Frauen geht einher mit einem steigenden Bildungsniveau, der zunehmenden Partizipation am Arbeitsmarkt sowie dem Interesse am beruflichen Vorwärtskommen. (udi)
Aber eben nur "irgendwie". Es gab da noch ein weiteres Ein und Alles. Dieser steht jetzt im Türrahmen, ist von Beruf Küster, 45 Jahre jung, glücklicher Ehemann und Papa und heißt Thomas. Für ihn steht fest: "Erst eine Mutter mit Kindern ist eine richtige Frau." Jutta Mertinat lacht: "Das war der Punkt, an dem ich nachgegeben habe, obwohl ich mir eigentlich sicher war, dass es nicht passiert."
Aber es passierte und liegt heute zwischen all seinen Kuscheltieren friedlich und mit großen dunklen Schokoladenaugen im Bett, hört auf den Namen Paul und ist für seine Eltern eine echte Bereicherung. Die erfahrene Erzieherin berichtet: "Ich war zwar die Älteste in der Babygruppe, aber auch die Gelassenste, wenn es um den richtigen Baby-Autositz oder Windelfragen ging". Gelassenheit, die ihr im Muttersein noch eine Erkenntnis bringt: "Ich bin nicht mehr so hibbelig, bin weicher geworden und ich verstehe Eltern jetzt noch besser."
Paul passt. Spätes Elternglück, an dem sein Papa niemals gezweifelt hat und das er jetzt so beschreibt: "Ich habe nun die Ruhe und die Zeit, meinen Sohn zu genießen. Wir haben immer etwas zu tun. Besonders beliebt sind unsere Touren in den Baumarkt. Da können wir uns stundenlang aufhalten. Diese Geduldsprobe hätte ich in jüngeren Jahren nicht bestanden."
Pauls Augen werden derweil immer kleiner. Auf das Alter von Mama und Papa angesprochen, reagiert der pfiffige Dreikäsehoch mit der familieneigenen Gelassenheit. "Irgendwie so alt wie mein Teddy Flohmarkt, nur noch viel mehr lieb", flüstert er, bevor ihm die Augen ganz zufallen und er vom nächsten Baumarktbesuch mit Papa träumt.