Detmold (jab). "Werde ich mein Kind sehen können?" - Das war Angelina Kempers große Sorge während der Schwangerschaft. Der Grund: Die Detmolderin ist dabei, zu erblinden. Heute, rund ein Jahr später, versorgt die 19-Jährige ihre Töchter dennoch weitgehend eigenständig.
Die kleine Lucia-Skarlet ist ein aufgewecktes Kind. Munter sammelt sie in ihrem Kinderzimmer Schaumstoff-Teile ein und steckt sie in den Kasten aus Puzzlematten. Mama Angelina blickt sie dabei freudestrahlend an und reicht ihr ab zu Spielmaterial an - fast scheint es so, als hätte sie gar keine Sehbehinderung.
"In der gewohnten Umgebung komme ich klar. Ich spiele mit der Kleinen, wasche sie, mache das Essen. Auch zum Supermarkt kann ich mit ihr gehen. Es sei denn, die haben wieder alle Regale umgeräumt, denn dann muss ich mich erst neu orientieren", sagt die 19-Jährige, die nach Aussage ihrer Ärzte derzeit noch über 8 Prozent Sehkraft verfügt. Warum sich ihre Augen über die Jahre verschlechtert haben, weiß niemand so genau.
Beratung vor Ort
Unterstützung für Blinde und Sehbehinderte bietet der Lippische Blinden- und Sehbehindertenverein (LBSV). Sein Ziel ist, die soziale Stellung von Menschen mit Beeinträchtigungen zu verbessern. Auch Angelina Kemper hat sich bereits an die Selbsthilfeorganisation mit Sitz in Detmold gewandt, um sich über Hilfsmittel beraten zu lassen. Kontakt: 05231-63000 oder www.lbsv.org (jab)
"Als Kind hatte ich nur einen Schieleffekt links, dann ist es irgendwann rechts weitergegangen", erklärt die gebürtige Hannoveranerin. Schließlich habe ihre Sehfähigkeit immer weiter abgenommen. Irgendwann kam sie in der Schule nicht mehr mit, weil sie nicht von der Tafel ablesen konnte. Und auch der Wechsel ins niedersächsische Landesblindenzentrum führte nicht zu dem gewünschten Erfolg.
Dass sie die Schule letztendlich ohne Abschluss verließ, brachte sie jedoch nicht von ihrem Kinderwunsch ab. "Ich habe mir immer ein Kind gewünscht. Und da ich einen Mann an meiner Seite habe, der zu mir steht, habe ich mich dafür entschieden", erzählt Kemper. Tiefpunkte habe es in der Schwangerschaft auch gegeben. Die Angst, bis zur Geburt zu erblinden, war groß. Doch die werdende Mutter schaffte es, sich immer wieder aufzubauen.
"Nach der Geburt war ich natürlich erstmal glücklich, dass ich meine Tochter sehen konnte. Heute frage ich mich allerdings, ob ich sie noch aufwachsen sehen werde. Das sind eher gemischte Gefühle", sagt die Detmolderin. Außerdem sei unklar, ob ihre Augenerkrankung vererbbar ist. Zum Glück sei bislang aber keine Beeinträchtigung zu spüren.
Bei den Untersuchungen ist laut Angelina Kemper nichts aufgefallen. Und auch an diesem Tag macht Lucia-Skarlet nicht den Eindruck, als könnte sie schlecht sehen. Zielsicher greift die Kleine nach dem Handy, das auf dem Wohnzimmertisch liegt und hält es ihrer Mutter hin. Und auch auf Kater Finn reagiert sie, als der in einiger Entfernung auf den Kratzbaum klettert.
Sorglos ist das Leben der Kempers trotzdem nicht. Offen ist zum Beispiel, ob die 19-Jährige einmal arbeiten kann. Das Rettungsdienstwesen, in dem sie bereits ehrenamtlich tätig war, würde sie interessieren. Aber wer bildet sie trotz ihrer Beeinträchtigung aus? Möglich ist auch, dass sie irgend wann gar nichts mehr sieht. Wie organisiert sich die kleine Familie, die momentan von Hartz IV lebt, dann? Vater Andreas strebt an, wieder in den Beruf des Altenpflegers einzusteigen. Im Fall der Fälle müsste er sich von diesem Gedanken unter Umständen jedoch wieder verabschieden.
"Wenn man eine Behinderung hat, sollte man sich schon genau überlegen, ob man einen starken Partner an der Seite hat, der die Dinge zur Not auch alleine regeln kann", betont die Detmolderin. Unterkriegen lassen will sie sich von ihrer Situation aber nicht. Im Gegenteil: Ein zweites Kind ist bereits in Planung.