Ehemaliger SS-Wachmann nennt Auschwitz ein Vernichtungslager

„Dass viele Leute da vergast wurden, hat man ja annehmen müssen“

Silke Buhrmester

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Sagte am Freitag vor dem Detmolder Landgericht aus: Zeuge Jakob Wendel. - © dpa
Sagte am Freitag vor dem Detmolder Landgericht aus: Zeuge Jakob Wendel. (© dpa)

Detmold. Kurz nach Kriegsende stand Jakob Wendel in einer Reihe mit rund 100 anderen SS-Männern im KZ Dachau. „Die Juden gingen an uns vorbei. Sie hätten uns ins Gesicht spucken können. Aber sie haben nur gesagt: ,Ihr armen Schweine – wo sind die Offiziere?’" Wendel, heute 92 Jahre alt, scheint die Schuldfrage für sich geklärt zu haben. Er war als SS-Wachmann in Auschwitz, ja, zweieinhalb Jahre. Er wusste um die Gaskammern, die Krematorien und die Lebensverhältnisse, ja. Aber Schuld waren andere, die Offiziere. Er war nur ein einfacher Gefreiter, Sturmmann.

Wendel hat am Freitag im Auschwitz-Prozess gegen den ehemaligen SS-Mann Reinhold Hanning ausgesagt. Dem Lagenser wird Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen zur Last gelegt.

Der alte Mann kennt den fast Gleichaltrigen, der wieder zusammengesackt im Rollstuhl zwischen seinen Verteidigern sitzt, nicht: „Ich habe auch seinen Namen nie gehört." Denn er sei in Birkenau eingesetzt gewesen, Hanning im fünf Kilometer entfernten Stammlager. Dem Gericht geht es vor allem um die Organisation im Lager und darum, was die SS-Männer gewusst haben.

Was hat er gewusst, was gesehen, was geschlussfolgert? Nicht immer ist die Aussage des Seniors schlüssig. Ob er sich nicht an alles erinnern will oder kann, bleibt im Unklaren. Wendel erzählt von den wechselnden Schichten: Eine Woche Tagdienst auf dem Wachturm, eine Woche Nachtdienst, in der dritten Woche habe er die Häftlinge betreut, die außerhalb des Lagers arbeiten mussten. „Betreuung" klingt zynisch: „Die Leute sind zur Arbeit gegangen, so lange sie laufen konnten. Wenn sie drei Tage nicht da waren, mussten sie ins Krematorium."

Wendel berichtet auch davon, wie die Häftlinge beim Arbeitseinsatz tot zusammenbrachen: „Die wurden dann von vier Mithäftlingen auf der Trage ins Lager zurückgetragen." Seine Aussage ist distanziert, ohne Empathie in der Stimme. Als wolle er sagen: So war es halt. Auch als er von den Schornsteinen erzählt, die Tag und Nacht rauchten.

Allen Wachleuten sei klar gewesen, was im Lager passierte: „Vom Turm konnte man ja sehen, dass die Leute da in die Bunker reingingen und nicht wieder rauskamen. Und dann kamen so viele Transporte an. Und nur ein paar, vielleicht 20 Prozent, haben gearbeitet. Dass viele da vergast wurden, hat man ja annehmen müssen." Auf Nachfrage von Richterin Anke Grudda bekennt Jakob Wendel ohne Umschweife: „Auschwitz war ein Vernichtungslager."

Ob er etwas über die Ernährung im Lager sagen könne, fragt die Richterin. „Naja, viele von denen waren schon mager", antwortet Wendel. Und ein Krankenhaus im Lager habe es natürlich nicht gegeben – „für uns nicht und für die Juden schon gar nicht". Wendel wirkt während der zweistündigen Aussage emotionslos. Nur einmal wird deutlich, dass der KZ-Dienst vielleicht doch etwas mit ihm gemacht hat. Da erzählt er von einem Brief an seine Eltern, der abgefangen wurde.

„Über Auschwitz durfte man ja nichts sagen oder schreiben. Aber ich bin ja ein gläubiger Christ und habe geschrieben, dass ich auch weiter an Jesus glaube." Ein Offizier habe ihn zur Rede gestellt. „Und dann hat der gesagt: Ein SS-Mann, der an Jesus glaubt, ist mir noch nie begegnet."

Verteidiger wollen nach Ostern Erklärung abgeben

Wollen nach Ostern eine Erklärung abgeben: Die Verteidiger Johannes Salmen (links) und Andreas Scharmer. - © Bernhard Preuß
Wollen nach Ostern eine Erklärung abgeben: Die Verteidiger Johannes Salmen (links) und Andreas Scharmer. (© Bernhard Preuß)

Die beiden Verteidiger Johannes Salmen und Andreas Scharmer haben am Freitag am Rande des Auschwitz-Prozesses betont, dass sie für ihren Mandanten nach Ostern eine Erklärung abgeben werden. Dabei soll es um die Wehrzeit des 94-Jährigen gehen. Eine persönliche Erklärung, ein Geständnis oder aber eine Entschuldigung in Richtung der Opfer scheint aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich.

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