Elfjähriger aus Blomberg darf endlich wieder zur Schule

Erol Kamisli

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Das Taxi vor der Haustür: Tim wird nach dem Ende der Weihnachtsferien jeden Tag zur Schule gefahren. Doch der Fahrdienst endet in knapp drei Wochen, dann muss er in den Schulbus nach Blomberg. - © Erol Kamisli
Das Taxi vor der Haustür: Tim wird nach dem Ende der Weihnachtsferien jeden Tag zur Schule gefahren. Doch der Fahrdienst endet in knapp drei Wochen, dann muss er in den Schulbus nach Blomberg. (© Erol Kamisli)

Blomberg-Höntrup. Pünktlich um 7.05 Uhr steht das Taxi vor der Tür, um Tim (Name von der Redaktion geändert) von Blomberg-Höntrup zur Schule nach Barntrup zu fahren. Und nach Schulschluss geht’s im Taxi wieder nach Hause. „Es ist toll, dass ich wieder in die Schule kann. Ich war so aufgeregt, dass ich die Nacht davor nicht einschlafen konnte. Es war wie an meinem ersten Schultag", freut sich der Elfjährige. Seit dem 26. Oktober hatte Tim seine Klasse nicht mehr von innen gesehen – trotz Schulpflicht.

Doch damit ist nach Intervention der LZ jetzt Schluss. Das Schulamt für den Kreis Lippe hat Wort gehalten und einen Fahrdienst für den Jungen eingerichtet, der seit Juni vergangenen Jahres bei seinen Großeltern in Blomberg-Höntrup lebt und im 17 Kilometer entfernten Barntrup die 5. Klasse des Gymnasiums besucht. In der benachbarten Sekundarschule Blomberg war damals kein Platz für ihn. Seine Oma kann ihn aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren, und die Stadt Barntrup als Schulträger lehnte einen Fahrdienst aus Kostengründen ab – doch nun die Kehrtwende.

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„Auf Bitten des Schulamtes zahlen wir den Fahrdienst", sagt Kämmerer Uwe Schünemann. Wie hoch die Kosten sind, darüber schweigen die Beteiligten. Taxifahrer Hans-Jürgen Winter verrät nur: „Wenn wir nach der Uhr fahren würden, kostet die einfache Strecke von Höntrup nach Barntrup 25 Euro." Also wären für Tim jeden Tag 50 Euro fällig. „Nein, so teuer ist es nicht", sagt Uwe Schünemann. Im Fall Tim mache die Stadt nun eine große Ausnahme, denn normalerweise würden Fahrdienste nur für Schüler eingerichtet, die geistig oder körperlich eingeschränkt seien und daher nicht selbstständig zum Unterricht könnten.

Der Grund für die Ausnahmeregelung ist, dass Tim den Fahrdienst nur bis Endes des Monats braucht, denn ab Februar kann er die Sekundarschule in Blomberg besuchen. „Dorthin fahren regelmäßig Busse von Höntrup aus", sagt Oma Martina Wipprecht, die sich über den Schulwechsel freut. Das Schulamt habe sie angerufen und über den baldigen Wechsel nach Blomberg ab Februar informiert. „Dies ist richtig für ihn. Auf dem Gymnasium war er überfordert, da er ja eine Haupt- und Realschul-Empfehlung hat."

Dies weiß auch Heinrich Kessen vom Kreis-Schulamt. „Mit einer Einschulung in einer anderen Stadt wären die Transportprobleme nicht gelöst worden. Nur Blomberg kam in Frage, aber damals waren keine Plätze dort frei", sagt Kessen. Er sei sehr glücklich, dass jetzt eine Lösung gefunden worden sei.

Glücklich sind auch Martina Wipprecht und Tim. „Es ist unglaublich, dass es geklappt hat", sagt die 60-Jährige mit 
stockender Stimme. Sie wolle sich auch für die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung bedanken – nach dem LZ-Artikel im Dezember hatten Leser ihre Hilfe angeboten. „Wir waren sehr gerührt", sagt Martina Wipprecht und drückt ihr Enkelkind. „Ich bin auch glücklich", lächelt der Elfjährige zurück. Mit dem Taxi zur Schule zu fahren, sei zwar cool, doch er freue sich auf die neue Schule und die Fahrten per Bus von Höntrup nach Blomberg. „Da fahren viele Kinder aus der Nachbarschaft mit und wir werden bestimmt viel Spaß haben", sagt Tim.

Kommentar: Glückwunsch an die Behörden

von Erol Kamisli

Endlich – nach mehr als zehn Wochen geht der elfjährige Tim wieder zur Schule. Die verantwortlichen Behörden sind über ihre Schatten gesprungen und haben eine Lösung für den Elfjährigen gefunden. Respekt und Glückwunsch für so viel Flexibilität und Einsatz.

Es war ein steiniger Weg, denn noch vor einer Woche schoben alle Beteiligten die Verantwortung von sich und zeigten aus sicherer Entfernung auf die anderen Kollegen – eine Lösung war weit und breit nicht in Sicht. Das Opfer dieses Trauerspiels war ein Junge, der gerne zur Schule geht, aber nicht kann. Er musste zu Hause bleiben, weil die Erwachsenen nicht in der Lage waren, eine Lösung zu finden. Doch kurz bevor Tim die Lust auf Schule und das Vertrauen in die Behörden verlor, haben alle Beteiligten ihren Streit begraben und eine Lösung für den jungen Blomberger gefunden – auf einmal ging es ganz schnell, und seit Montag ist Tim ein glücklicher Junge. Mit strahlendem Lachen wiederholt er im Gespräch immer diesen einen Satz: „Ich bin glücklich, dass ich wieder in Schule kann."

Doch Tims „Spezialverkehr" bis Ende des Monats verursacht Kosten, die die Stadt Barntrup als Schulträger tragen muss. Zähneknirschend hat Kämmerer Uwe Schünemann zugestimmt. Aber dieses Geld ist eine gute Investition in unsere Zukunft. Denn es käme uns als Gesellschaft viel teurer zu stehen, wenn Tim immer noch zu Hause sitzen würde.

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