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28.07.2011
BAD SALZUFLEN
Der Strippenzieher vom Bahnhof
René Sterling-Lorenz sorgt in Sylbach mit mechanischer Technik für freie Fahrt
VON JENS RADEMACHER

Und wumms: René Sterling-Lorenz wuchtet einen der mächtigen Hebel im Sylbacher Bahn-Dienstraum nach vorn. 300 Meter weiter stellt sich damit das Signal auf "Fahrt". | Foto: Rademacher

Bad Salzuflen-Sylbach. Wenn sich in Sylbach die Schranken senken, ist Muskelkraft am Werk. Die von René Sterling-Lorenz. Denn im Stellwerk des Fahrdienstleiters kommt die Technik noch ohne Strom aus. Fast.

Es brummt und klingelt, es rasselt und tickt. Elektronische Töne kommen höchstens vom Handy des Bahn-Mitarbeiters. Und einen Computer sucht man im Sylbacher Dienstraum vom René Sterling-Lorenz vergeblich. Funktionieren tut\'s trotzdem.

Das Rasseln kündigt dem Bahn-Mitarbeiter an: Es kommt ein Zug. In diesem Fall aus Bad Salzuflen. Für Sterling-Lorenz das Signal, auf den Bahnsteig zum denkmalgeschützten Unterstand zu traben. Dort steht der Schrankenbock: Den Bahnübergang Sylbacher Straße im Blick, fängt er an zu kurbeln. Pling-pling: 50 Meter weiter schellen die Glocken am Übergang, die Schranken senken sich. Dass das von Hand passiert, das gibt es in Lippe nur noch in Leopoldstal.

"Wunderbare Technik", sagt Sterling-Lorenz, zurück im Bahnhofsgebäude. Dort zieht der Fahrdienstleiter die Strippen für den Zugverkehr. Das ist wörtlich zu nehmen: Die Schranken an der Sylbacher Straße, die Schranken am Übergang "Im Poten", die beiden noch ganz klassisch aussehenden Formsignale - all das bewegt er von seinem Dienstraum im Bahnhofsgebäude aus - per Hebelkraft und Drahtzug.


Am Gebäude prangen die Buchstaben "Ssf". "Sylbach-Süd Fahrdienstleiter" heißt das, erklärt Siegfried Kirste, zuständiger Bezirksleiter Betrieb bei der DB Netz AG. Die beiden Eisenbahner sind sich einig: Die mechanische Technik am Bahnhof Sylbach ist zwar alt, aber schön.

Wobei: Für die Bahn ist der Bahnhof Sylbach gar kein Bahnhof mehr. Seit das zweite Gleis 2005 stillgelegt wurde, ist Sylbach nur noch eine Blockstelle. Und der Bahnhof ein Haltepunkt.

Seitdem klaffen auch einige Lücken neben den drei großen roten Hebeln in Sterling-Lorenz\' Dienstraum. "Da waren früher noch blaue Hebel für die Weichen", sagt Kirste. Doch die zwei Signale, die der Fahrdienstleiter von Hand bedient, die gibt\'s noch. Und die Hebel legt er zweimal in der Stunde um, wenn ein Zug kommt.


Die Technik funktioniert noch wie zu Kaisers Zeiten: mechanisch. Dafür braucht es keinen Computer. In das Zugmeldebuch trägt Blockbediener Sterling-Lorenz Uhrzeiten und Zugnummern von Hand ein.

Die der Regionalbahn aus Bad Salzuflen zum Beispiel, die auf ihrem Weg nach Lage, Detmold und Altenbeken gleich in Sylbach einfährt. Damit sie ausfahren darf, wuchtet Sterling-Lorenz einen der langen roten Hebel nach vorn. Per Drahtzug stellt er damit das Signal auf "Grün". Die Signaltechnik hängt an der Strippe.

Auch ein 300 Meter entferntes Signal bedient er per Hebel - der Draht verläuft parallel zur Schienenstrecke, die am 1. Oktober 1904 eröffnet wurde. Das alles hat einen positiven Nebeneffekt: Er bleibt fit. Denn die Bedienung erfordert Kraft - erst recht im Winter, wenn Schnee auf den Seilzügen liegt. "Das ist meine Muckibude", schmunzelt er.

Die mechanischen Kurbeln und Hebel und Drahtzüge, die unverwüstlich wirken - ist das ein Auslaufmodell? Nicht unbedingt. Diese Technik soll in Sylbach erst mal weiter ihren Dienst tun, mag in Lage auch ein neues elektronisches Stellwerk entstehen, sagt Kirste, während ein graues Telefon klingelt. Elektrizität braucht es also doch am Bahnhof Sylbach. Aber nur ein bisschen.

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Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2012
Dokument erstellt am 28.07.2011 um 00:24:58 Uhr

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