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24.05.2011
KREIS LIPPE
Wenn die Seele angegriffen wird
Die Zahl der Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen wächst

Aufklärung vom Schützenpanzer aus: Ein Foto aus der Nähe von Kunduz in Afghanistan. In dieser Provinz versehen Augustdorfer Soldaten ihren mitunter gefährlichen Dienst. | Archivfoto: Bundeswehr/Klaus Geier

Detmold. 729 deutsche Soldaten sind nach Angaben der Bundeswehr 2010 wegen Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) behandelt worden. Aber viele Soldaten gestehen sich die seelische Krankheit nicht ein. Davon geht Dr. Matthias Witt-Brummermann aus. Er ist Psychologe und beschäftigt sich als Reservist mit dem Thema PTBS. Im LZ-Gespräch erklärt er, um was es dabei geht und wo es Hilfe gibt.

Dass Soldaten auch mit seelischen Wunden aus den Kriegen zurückkehren, weiß man schon lange. Was ist heute anders, sodass so viel darüber gesprochen wird?

Dr. Matthias Witt-Brummermann:  Es ist positiv, dass heute viele Betroffene darüber sprechen. Und das sind nicht nur Soldaten, sondern auch Feuerwehrleute, Rettungshelfer oder die Opfer von Überfällen.

Was löst diese Traumata aus?

Witt-Brummermann: Es geht immer um das Erleben einer Gewalterfahrung, einer lebensbedrohlichen Situation oder eines Angriffs auf die eigene Person oder auf Kameraden. Wesentliches Merkmal ist der Verlust der Kontrolle über eine Situation. Es kann aber auch das dauerhafte Erleben von Gewalt oder Gewaltfolgen Auslöser sein, zum Beispiel die ständige Konfrontation mit zerstörten Häusern als Kontrast zur heilen Welt Zuhause.

Wie äußern sich PTBS?

Witt-Brummermann: Dafür gibt es verschiedene Leitkriterien. Zum einen muss ein traumatisches Erlebnis vorliegen, das die Person ständig wie ein "Kopfkino" vor Augen hat – ausgelöst durch kleine Schlüsselreize wie ein Geräusch oder einen Geruch. Das kann zu Erstarrung führen, Leute werden phlegmatisch, können ihren Alltag nicht mehr bewältigen oder greifen zu Suchtmitteln. Oft sind sie nicht mehr fähig zu einer partnerschaftlichen Beziehung oder können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man aber erst, wenn die Symptome länger als sechs Monate fortbestehen.

Ist es gerade für Soldaten ein Problem, sich die Krankheit einzugestehen?

Witt-Brummermann: Viele Soldaten gestehen sich das tatsächlich nicht ein - mitunter aus Sorgen um die Karriere. Im Einsatz befindliche Soldaten wollen ihre Einheit oder Gruppe oft nicht im Stich lassen. Außerdem wird die Krankheit im Kameradenkreis nicht so anerkannt, weil die Patienten äußerlich unversehrt sind. Dass aber auch psychische Leiden einen hohen "Krankheitswert" haben, wenn man so will, und es möglicherweise für alle gefährlicher wird, im Einsatz zu bleiben, wollen sie so nicht wahrhaben.

Wie entwickelt sich die Zahl der PTBS-Fälle?

Witt-Brummermann: Die Zahlen gehen steil nach oben. Das liegt aber in erster Linie daran, dass immer mehr Betroffene Hilfe in Anspruch nehmen.

Wie ist die Bundeswehr aus Ihrer Sicht darauf eingestellt?

Witt-Brummermann: Es gibt Fachpersonal in Form der Truppenpsychologen und Seelsorger direkt vor Ort. In Deutschland haben die Bundeswehrkrankenhäuser Berlin und Hamburg sehr gut ausgestattete Traumazentren.

Gibt es rechtliche Konstrukte für Hilfe über die direkte Therapie hinaus?

Witt-Brummermann: Der Sozialdienst der Bundeswehr kümmert sich darum. Auch in den Einheiten gibt es Teams, die das soziale Netz gespannt halten. Und nach dem Einsatzweiterverwendungsgesetz können betroffene Soldaten zwischen fünf und acht Jahren in der Bundeswehr weiter beschäftigt werden, eine Therapie absolvieren und sich dann ins Zivilleben reintegrieren.

Woran erkennen Angehörige, dass es einem Heimkehrer seelisch schlecht geht?

Witt-Brummermann: Alle Soldaten kommen verändert aus dem Einsatz zurück. Das ist zunächst nicht negativ. Wenn bisherige Verhaltensweisen aber stark vernachlässigt werden, die Familie nicht mehr die Rolle wie früher spielt oder derjenige plötzlich ein hohes Aggressivitätspotenzial hat, können das Anzeichen sein.

Wohin können sich Betroffene wenden?

Witt-Brummermann:
 Darüber gibt die Internetseite www.ptbs-hilfe.de Auskunft. Auch Familien-Betreuungszentren helfen weiter. Hinter www.angriff-auf-die-seele.de verbirgt sich eine private Initiative von Soldaten, die Wege sucht, Kameraden schnell einer Behandlung zuzuführen. Und es gibt Veteranenverbände, die Betroffenen Fallmanager zur Seite stellen. Außerdem gibt es jetzt einen Brigade-General als PTBS-Beauftragten, einen sehr engagierten Mann.

Die Fragen stellte LZ-Redakteur Thorsten Engelhardt.


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Kommentare
Eine sehr gut geführte und objektive Schilderung, eines aus meiner Sicht engagagierten Journalisten, der sich positiv zur Bundeswehr in seinen Artikeln äußert und auch keine Scheu hat heikle Themen wie PTBS anzugehen.

Sehr interessant!



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