Detmold-Remmighausen. Es werde viel über sie, aber nicht mit ihnen geredet, beklagen Vertreter der jesidischen Gemeinde Detmold. Zum LZ-Gespräch kamen Ömer Oduncu, Hüseyin Ibrahim, Remsi Yalcin und Ex-Pfarrer Martin Hankemeier.
"Nach dem Tod von Arzu stehen wir unter Generalverdacht und wehren uns dagegen, dass unsere Religion als eine ‚finstere Sekte‘ angesehen wird", sagt Remsi Yalcin. Niemandem fiele es ein, pauschal alle Deutschen zu diffamieren, wenn unter ihnen jemand solche Taten verübe. Aufgrund der Anti-Jesidenstimmung habe er nicht am Trauermarsch für die ermordete Arzu teilgenommen.
Natürlich seien auch die Jesiden geschockt. "Ich kannte Arzus Brüder und bin nach der Nachricht völlig sprachlos gewesen", sagt Yalcin. Der überwiegende Teil der Jesiden, zu dem er auch gehöre, habe die Tat als sehr beschämend empfunden. Doch er müsse zugeben, dass einige den Mord an der 18-Jährigen auch befürworteten - nach dem Motto: "Das geschieht der Arzu ganz recht." Es sei normal, dass es auch jesidische Familien gebe, die in patriarchalischen Strukturen lebten und anscheinend habe die Familie Özmen danach gelebt.
Dies bestätigt auch der jezidische Geistliche Pir Ömer Oduncu. Im vergangenen Jahr sei Arzus Vater, nachdem die 18-Jährige ihn wegen Körperverletzung angezeigt habe, bei ihm gewesen. "Wir haben ein Entschuldigungsschreiben verfasst und bei der Polizei abgegeben", erinnert sich Pir Oduncu.
Den Eingang des Schreibens bestätigt Oberstaatsanwalt Michael Kempkes. "Im Spätsommer vergangenen Jahres wurde Arzu von ihrem Vater geschlagen und eingesperrt", so Kempkes. Daraufhin sei das Schreiben eingegangen. Gegen den Vater laufe ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung.
Nach dieser Anzeige und dem Mord an Arzu habe sich die Familie Özmen immer mehr isoliert und sich aus der jezidischen Gemeinde zurückgezogen, fügt Pir Oduncu hinzu. Rechtsanwalt Detlev Binder, der einen Bruder von Arzu, der an der Entführung und Ermordung der 18-Jährigen beteiligt gewesen sein soll, verteidigt, zeigt sich überrascht: "Ich stehe in engem Kontakt zur Familie und höre dies zum ersten Mal." Die Familie vermittele ihm ein ganz anderes Bild. "Sie erfahren viel Solidarität."
Kommentar von LZ-Redakteur Erol KamisliUm wen wird getrauert?
Viele Jesiden fühlen sich nach dem Mord an Arzu Özmen an den Pranger gestellt. Ihre Argumentation: wenn ein Deutscher seine Frau oder Tochter umbringe, werde von einer Beziehungstat gesprochen.
Warum werde der Begriff "Ehrenmord" immer im Zusammenhang mit einigen Migrantengruppen – darunter auch die Jesiden – verwendet?, fragen sie. 
Antwort: Weil der Begriff "Ehre" in bestimmten Gruppen eine große Rolle spielt. "Ehrenmörder" sind Personen, die ihre verletzte Wertevorstellung durch Gewalt wiederherstellen wollen.
Frauen müssen sterben, weil sie aus Sicht der Familie traditionelle Normen verletzt haben, etwa vor der Ehe eine Beziehung zu einem Mann haben. Die patriarchalische Vorstellung von Ehre ist eng verbunden mit der Sexualität der Frauen.
Wenn eine Frau sich sexuell frei verhält, fühlen sich die Männer in der Familie wegen der verinnerlichten patriarchalischen Werte verpflichtet, zu strafen, um die Ehre wiederherzustellen.
Sie müssen zeigen, dass sie die Kontrolle über ihr Eigentum haben, sonst werden sie von der Gemeinschaft als schwach angesehen und abgelehnt. Im Mordfall Arzu betonen die Jesiden, dass viele täglich weinten.
Aber um wen trauern sie? Weinen sie um ihr derzeit verheerendes Bild in der Öffentlichkeit? Oder weinen sie um die 18-Jährige, die gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde? Auf dem Trauermarsch für Arzu suchte man weinende Jesiden vergeblich.
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