Montag, 28.07.2014
| RSS | LZ-Nachrichtenticker | Mediadaten | Kontakt | Newsletter


12.08.2012
OLYMPIA
Olympier schwärmen: Danke London für fabelhafte Spiele

Bye Bye Olympia | Foto: Ian Langsdon

London. Ex-Beatle Paul McCartney tanzte zu seinen eigenen Songs, und selbst die Queen outete sich als Olympia-Fan. Nach den Propagandaspielen von Peking war die großartige Ringe-Show in London eine Rückkehr zu unbeschwerter Leidenschaft.

"Es waren absolut fabelhafte Spiele. London hat die olympische Bewegung erfrischt", schwärmte IOC-Präsident Jacques Rogge über die sechsten und letzten Spiele seiner Amtszeit, die im September 2013 zu Ende gehen wird. Die britischen Olympia-Macher, selbst erklärte Pioniere des modernen Hochleistungssports, präsentierten ein stimmungsvolles Athleten-Fest mit hohem Sympathiefaktor.

Die Mischung aus Nostalgie und Vision funktionierte prächtig. London vibrierte, London brillierte und London zelebrierte Olympia - als erste Stadt der Welt zum dritten Mal nach 1908 und 1948. Ein begeistertes Sportpublikum, ein unvergleichliches Athletendorf, gefeierte Trendsportarten, Rekord-Präsenz in den sozialen Medien und ein einzigartiges Nachhaltigkeitskonzept dienen als Wegweiser für die Zukunft. "Das war ein goldener Sommer", erklärte Premier David Cameron. Die Gastgeber schafften den angestrebten Aufstieg in die Top 3 des olympischen Weltsports hinter China und der Nummer eins USA.

"Gott ist ein Londoner. Es gibt keine andere Erklärung", dichtete die "Times". Die alternde U-Bahn hielt durch, und sogar das launische Wetter spielte mit. Mit der Schlussfeier am Sonntag endete das Spektakel so, wie es sich über 17 Tage der Welt dargestellt hatte: Eine emotionale Dauerparty, begleitet von freundlichem Pathos, Patriotismus und britischer Selbstironie. Es waren royale Spiele, und es waren Frauen-Spiele. Durch das Debüt von Frauen-Boxen waren zum ersten Mal Athletinnen in allen Sportarten vertreten, und erstmals hatten alle Teams auch Frauen nominiert. Neben den Premieren-Teilnehmerinnen aus Katar und Brunei tolerierte sogar Saudi-Arabien die olympische Gleichberechtigung.

So wurde die erst 16 Jahre junge Judoka-Schwergewichtlerin Wodjan Ali Seraj Abdulrahim Shaherkani auf einmal zur Botschafterin für die Entwicklung des Frauensports in der arabischen Welt. Nach 82 Sekunden war der symbolträchtige Auftritt der Schülerin vorbei. Die Hoffnung auf Besserung bleibt.

Von den knapp 10.500 Athleten aus 204 Ländern haben 85 Nationen Medaillen gewonnen und damit eine bemerkenswerte Universalität demonstriert. Immerhin 19 Athleten, die 2010 bei den ersten olympischen Jugendspielen in Singapur dabei gewesen waren, holten Gold, Silber oder Bronze. "Wir haben fantastische Spiele abgeliefert. Die Athleten haben eine ganze Generation inspiriert", bilanzierte OK-Chef Sebastian Coe.Siebenkampf-Königin Jessica Ennis, 5.000 und 10.000 Meter-Olympiasieger Mo Farah und Segel-Ikone Ben Ainslie rührten die Seelen ihrer Landsleute, nach der sechsten Goldmedaille für ihren Bahnrad-Ritter Sir Chris Hoy weinten die berauschten Briten. Alle Tränen haben eine Geschichte - auch im deutschen Team. Die heikle Staatsaffäre um die Rostocker Ruderin Nadja Drygalla stürzte die Delegation in helle Aufregung - das Fiasko der Beckenschwimmer, die erstmals seit 1932 ohne olympische Medaille blieben, auch.

Die anschließende Strukturdebatte zu überfälligen Reformen im deutschen Hochleistungssport offenbarte: Es fehlt an Trainern, Talenten, Konzepten und Geld. Zu viel Bürokratie, zu wenig Effizienz. "Unser Anspruch ist es, weiter in der Weltspitze mitzumischen", sagte DOSB-Präsident Thomas Bach.

Es lief einiges schief im deutschen Team. Selbst Gewichtheber Matthias Steiner, in Peking noch Deutschlands außergewöhnlichster Olympiasieger, produzierte dieses Mal Schreckensbilder. Dem sympathischen Riesen fiel nach einem verunglückten Versuch im Reißen die 196-Kilo-Hantel ins Genick. Steiner hatte Glück und nur Prellungen und Zerrungen. Sohn Felix kommentierte: "Papa aua, Papa gut."

Mit 44 Medaillen (11 Gold, 19 Silber, 14 Bronze) sammelte die 391-köpfige Mannschaft des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sogar drei mehr als in Peking und beendete die London-Mission auf Platz sechs des Länder-Klassements. In den Zielvereinbarungen zwischen DOSB und Fachverbänden waren bei optimalem Verlauf aller Projekte 86 Medaillen, davon 28 aus Gold, festgehalten worden.

"Wir sind stolz auf diese Mannschaft", sagte Bach. Die magischen Gold-Momente von Diskuswerfer Robert Harting, Kanute Sebastian Brendel, Vielseitigkeitsreiter Michael Jung, der Hockey-Herren, des Ruder-Achters und Beachvolleyball-Duos Brink/Reckermann überstrahlten die Enttäuschungen.

Großbritannien wollte seine Zukunftsfähigkeit beweisen, nach innen und nach außen. 15 Milliarden Dollar hat das Land in die olympische Infrastruktur investiert und den Großauftrag für die Runderneuerung von East London genutzt. Sebastian Coe, Sir und Lord in Personalunion, hielt, wann immer es ging, ein flammendes Plädoyer für die Nachhaltigkeit. Der 55-Jährige darf sich für seine Langfrist-Vision zurecht bejubeln lassen. Ein ganzer Stadtteil wurde transformiert, die junge Generation wird davon profitieren. Eine Milliarde Pfund (1,27 Milliarden Euro) soll in den kommenden fünf Jahren in den britischen Schul- und Breitensport fließen, kündigte Cameron am Sonntag an. Coe darf das Ganze als Regierungsbeauftragter organisieren.

Die Sport-Asse haben im Auftrag Großbritanniens gesiegt und die Insel mit 65 Medaillen (29/17/19) zur neuen Nummer drei in der Medaillenwertung gemacht. China verpasste als Zweiter (38/27/22) die geplante Machtübernahme knapp und konnte den USA zum Olympiasieg der Nationen mit 104 Medaillen (46/29/29) nur demütig gratulieren.Auch der olympische "Superman" (Los Angeles Times) kommt aus den USA: Michael Phelps, nach seinen vier Erfolgen in London mit 18 Olympiasiegen und 22 Medaillen dekoriert, ist "ein Außerirdischer" (Le Monde) und der erfolgreichste Athlet der Olympia-Geschichte."Ich bin jetzt eine lebende Legende", sagte Sprint-Wunder Usain Bolt nach seinem zweiten Olympia-Triple über 100 Meter, 200 Meter und mit der 4 x 100 Meter-Staffel. Die Frage, ob er oder Reggae-Kultstar Bob Marley wichtiger für die Geschichte Jamaikas seien, beantwortete der sechsmalige Sprint-Champion diplomatisch: "Wir sind beide gleich wichtig für unser Land."

Das tobende Olympiastadion war die perfekte Kulisse für Bolts laufende Vorstellungen. Dem Misstrauen konnte er nicht davonsprinten. Das 4 x 100-Meter-Quartett der US-Frauen unterbot den 27 Jahre alten Weltrekord der DDR - einer von 44 Weltbestmarken bei diesen Spielen. Die befürchtete Doping-Lawine ist nicht losgetreten worden. Nur acht Athleten wurden bei der Rekordzahl von mehr als 5000 Doping-Kontrollen erwischt.

Die Erleichterung des IOC über das nahezu problemlose Joint Venture mit dem Londoner Organisationskomitee LOCOG war Rogge bei seiner Abschluss-Pressekonferenz anzusehen. Vergleichen mit den politisierten Militärspielen 2008 in Peking wollte er London 2012 nicht. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung an den Tiefpunkt seiner Ära, als das Internationale Olympische Komitee (IOC) sein Hochglanzprodukt an die chinesische Staatsdiktatur verliehen hatte.

In vier Jahren macht die globale Leistungsschau erstmals in Südamerika Station. Die Acht-Millionen-Metropole an der Themse hat die Latte sehr hoch gelegt für den nächsten Ausrichter Rio de Janeiro. "Wir werden es besser machen", tönte Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff. "Wir können mehr als Karneval und Samba."



Anzeige

Service
Die LZ im Netz