Bielefelder Jura-Professor kritisiert ARD-Film "Terror"

Sigrun Müller-Gerbes

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Fernsehgericht: Die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin verhandelt im ARD-Film „Terror" den „Fall Lars Koch". - © dpa
Fernsehgericht: Die große Strafkammer des Schwurgerichts Berlin verhandelt im ARD-Film „Terror" den „Fall Lars Koch". (© dpa)

Bielefeld. Der Bielefelder Strafrechts-Professor Wolfgang Schild ist selbst Buchautor zu dem Stück "Terror – Ihr Urteil". Er kritisiert aber den ARD-Film. Auch Schild würde einen Bundeswehr-Piloten freisprechen, der in Gewissensnot ein entführtes Flugzeug zum Absturz bringt.

Herr Schild, was meinen Sie als Professor für Strafrecht: Ist der fiktive Kampfpilot Lars Koch zum Mörder geworden, als er sich entschloss, ein von Terroristen entführtes Flugzeug abzuschießen, bevor es in ein Stadion gesteuert werden konnte?

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Schirach für lebenslänglich

  • Ferdinand von Schirach selbst, Anwalt und Autor des Buchs, hätte seinen Protagonisten lebenslang in Haft geschickt. Der Soldat habe zwar Leben gerettet, es gebe „aber nur den tragischen, den schuldigen Helden, nie den glücklichen". „In unserem Fall hieße das: Abschuss und anschließend lebenslänglich ins Gefängnis."
  • Die ARD erreichte mit dem Film 6,9 Millionen Zuschauer. Etwa 600.000 stimmten über ein Urteil ab – 86,9 Prozent stimmten für Freispruch.

Wolfgang Schild: Nein. Ich hätte ihn freigesprochen – so wie auch die knappe Mehrheit der Studenten, mit denen ich den ARD-Film geschaut habe. Aber aus Gründen, die in dem Film überhaupt nicht thematisiert werden. Deshalb halte ich das Werk und seine Vorlage von Ferdinand von Schirach auch für ganz schlecht: Es führt die Zuschauer in die Irre, ist manipulativ und stellt juristische Fragen völlig falsch dar.

Was genau ist denn falsch?

Schild: Der Film tut so, als gebe es im deutschen Strafrecht keinen Unterschied zwischen rechtswidrigem Verhalten und persönlich vorwerfbarer Schuld. Eine Tat kann Unrecht sein, ohne dass der Täter sich schuldig gemacht hat. Dann nämlich, wenn er sich wie der Pilot in einem unauflösbaren Gewissenskonflikt befunden hat.

Jeder von uns ist dankbar, dass er in einer solchen Situation wohl nie sein wird: Ganz allein dort oben, das Flugzeug steuert auf das vollbesetzte Stadion zu, es bleiben nur Sekunden für die Wahl für oder gegen den Abschuss. Wer in einer solchen existenziellen Notsituation eine Entscheidung trifft, den trifft strafrechtlich keine Schuld, auch wenn die Entscheidung rechtlich falsch, also Unrecht war. Dieses Unrecht können wir ihm nicht zum Vorwurf machen.

Also wäre Pilot Koch kein Mörder, auch wenn der Abschuss rechtswidrig war?

Schild: Ja. Das Strafrecht kennt den Begriff des entschuldigenden Notstands. In Paragraf 35 des Strafgesetzbuchs steht, dass ein Mensch ohne Schuld handelt, wenn er durch eine rechtswidrige Tat Gefahr von sich selbst oder Angehörigen abwendet. Hätten sich Ehefrau und Kind im Stadion befunden, dann wäre der Abschuss, um sie zu retten, Unrecht, aber entschuldigt gewesen.

Dieser Paragraf lässt sich in unserem Fall zwar nicht direkt, aber doch parallel anwenden, vorausgesetzt, dass der Angeklagte tatsächlich in Entscheidungsnot war und nicht nur rechthaberisch seine eigenen Wertvorstellungen durchgesetzt hat. Dass im ersten Fall ein solcher „übergesetzlicher entschuldigender Notstand" eingreift, das ist unter Strafjuristen überwiegende Meinung. Insofern gibt es das juristische Dilemma, das v. Schirach und die ARD behaupten, nicht. Der Fall lässt sich mit dem geltenden Strafrecht entscheiden. Es geht in einem Strafprozess, den das Stück ja vorspielt, nicht um ein Moralproblem, sondern um die rechtliche Lösung eines Gewissenskonfliktes.

Jura-Professor: Wolfgang Schild. - © LZ
Jura-Professor: Wolfgang Schild. (© LZ)


86 Prozent der Zuschauer haben im Tele-Voting für „nicht schuldig" plädiert. Ist diese Mehrheit damit im Konflikt mit dem Bundesverfassungsgericht?

Schild: Das kann niemand wissen, weil niemand weiß, worüber die Betreffenden eigentlich abgestimmt haben. Mein Urteil jedenfalls akzeptiert voll die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts: Der Pilot hat unrechtlich gehandelt. Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass es kein Gesetz geben darf, das den Abschuss eines Flugzeugs erlaubt und damit den Befehl zu einem Abschuss möglich macht. Das hat Bestand.

Der Staat darf niemals die Anordnung treffen, auf diese Weise Leben gegen Leben abzuwägen. Das ist nicht mit der Menschenwürde vereinbar. Nicht entschieden hat das Verfassungsgericht aber, ob ein Pilot, der den Knopf drückt, individuelle Schuld auf sich lädt. Und darum geht es in einem Strafprozess. Dass die ARD und Schirach diesen Unterschied nicht klargemacht haben, ist ein schwerer Fehler. Damit haben sie die Zuschauer in die Irre geführt. Ganz davon abgesehen, dass der ganze Film manipulativ war. Die ganze Inszenierung – angefangen vom Bildschnitt – war von vornherein auf einen Freispruch angelegt. Das Ergebnis stand von Anfang an fest.

Moraltheologe sieht Dilemma

Ist der Pilot schuldig oder unschuldig? Diese Frage stellt sich nach dem Spielfilm auch Peter Schallenberg. Für den Moraltheologen von der Theologischen Fakultät Paderborn ist es nicht leicht, ein Urteil zu fällen. „Schuldig und unschuldig", sagt Schallenberg und sieht ein „unlösbares Dilemma". Es bestehe darin, dass man keine gute Lösung finden könne. „Klassisch nach Lehrbuch darf man keine Menschen opfern, um andere zu retten", sagt Schallenberg.

Für ihn sei der Luftwaffen-Offizier aber „kein Mörder im eigentlich strengen Sinne". Er habe eine Gewissensentscheidung getroffen, die Tötung unschuldiger Menschen in Kauf genommen, um viele andere zu retten. Niemand dürfe eine Person zum Objekt machen, auch nicht mit scheinbar guten Absichten, sagt Schallenberg gleichwohl.

Der Pilot müsse seine Tat vor der Justiz und auch vor Gott verantworten. Wäre er Pilot, hätte Schallenberg versucht, „die Zeit, die mir bleibt, zu nutzen, den Rat anderer einzuholen und zu beten". Aber je gedrängter eine Entscheidung sei, „desto vereinsamter, individualisierter und entschuldigter ist sie". Für den Rest seines Lebens habe der Pilot an der Entscheidung zu tragen.

Freispruch oder Schuldspruch

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