Detmolder Landestheater glänzt mit Heckmanns-Stück "Kommt ein Mann zur Welt"

Von Barbara Luetgebrune

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Bruno, gespielt von Daniel F. Kamen (vorne), mit seinen treuen Lebensbegleitern. - © Foto: Landestheater/Hörnschemeyer
Bruno, gespielt von Daniel F. Kamen (vorne), mit seinen treuen Lebensbegleitern. (© Foto: Landestheater/Hörnschemeyer)

Detmold. Das Detmolder Landestheater hat am Freitag eine fulminante Premiere hingelegt. "Kommt ein Mann zur Welt": So fangen Witze an. Das hier ist aber kein Witz. Es ist Brunos Leben.

Und das hat komische Momente – durchaus. Absurde. Aber auch schöne, anrührende. Sogar tieftraurige. Für eine Tragödie reicht es allerdings nicht. Es ist halt ein stinknormales Leben. Das ist ja das Problem. Brunos Problem.

In der Produktion, die den Auftakt der Landesbühnentage markierte, stimmt fast alles. Stück, Inszenierung, Ausstattung und tolle schauspielerische Leistungen verschmelzen zu einem schlüssigen Gesamtkunstwerk, das keine einfachen Antworten serviert, sondern dem Publikum - die Premiere war so gut wie ausverkauft - jede Menge Impulse zum Nach- und Weiterdenken liefert.

Heckmanns Chronik eines stinknormalen Lebens

Martin Heckmanns Stück ist die ironisch gezeichnete Chronik eines zutiefst durchschnittlichen Lebens. Bruno Benjamin Rafael Stamm kommt zur Welt - und er verlässt sie wieder. Dazwischen liegt sein kontinuierlicher Kampf darum, den Erwartungen seines Umfeldes und vor allem seinem eigenen Anspruch an sich selbst gerecht zu werden. Etwas Besonderes will er sein, etwas Neues, Ur-Eigenes erschaffen. Was ja nicht automatisch bedeutet, dass es einem auch zu Berühmtheit verhilft. Aber genau das gelingt Bruno schließlich.

Oder besser: Es passiert ihm. Ausgerechnet mit einem kitschigen Schlagertext - das so gefürchtete Mittelmaß lässt grüßen - landet er einen Hit. Ein "One-Hit-Wonder", wie sich erweisen soll.

Mit seinem virtuosen Spiel trägt Daniel F. Kamen in der Rolle des Bruno die Inszenierung. Vom Kleinkind über den Pubertierenden, vom Künstler in der Identitätskrise über den arroganten Möchtegern-Star bis hin zum fetten, verwahrlosten Alten und dem krebskranken, dementen Greis: Kamen zieht darstellerisch alle Register und überzeugt in jeder Szene.

Ensemble verkörpert Brunos Begleiter

Regisseurin Tatjana Rese schöpft die Möglichkeiten des intelligent gemachten Stücks voll aus. Ihr bester Schachzug: Die Stimmen und Gestalten, die Bruno auf seinem Lebensweg begleiten, durch ein großes Ensemble verkörpern zu lassen. Das sorgt für viel Leben und Abwechslung im Bühnengeschehen. Die ständig wechselnden Perspektiven und Positionen verleihen dem Stück einen markanten Rhythmus, der durch Thomas Wolters musikalische Beiträge und Sound-Effekte unterstützt wird. Das Stück bringt von sich aus viel Tempo mit, und temporeich fällt auch Tatjana Reses Inszenierung aus. Allerdings hätte sie an der einen oder anderen Stelle durchaus noch mutiger straffen können.

Reiner Wiesemes verstaut in seinem genialen Bühnenbild die Figuren - mal isoliert voneinander, mal gefangen in ihren Beziehungen zueinander - in großen, schubladenartigen Kisten. Und Tatjana Rese und er geben Bruno Stamm tatsächlich einen Stamm mit auf seinen Lebensweg, einen Baum ohne Wurzeln, ohne Halt, der dessen Wankelmut und Entscheidungsschwäche treffend symbolisiert.

Pflanzversuche scheitern, und als Bruno den Baum schließlich zu künstlerischen Zwecken absägt, behält er einen Stumpf zurück. Ein bloßes Fragment - wie so vieles, was er in seinem Leben anfasst.

Bruno: "Ich habe alles verpasst"

Brunos Stimmen und Gestalten - die elf Schauspieler zeigen eine glänzende Ensemble-Leistung - kommentieren, was er tut, sie feuern an, provozieren, setzen ihm Wünsche und Träume in den Kopf und wissen alles besser. Ein irrlichternder, anstrengender Haufen. Und doch alles, was er hat. Oder?

"Ich hab alles verpasst", klagt Bruno am Ende seines Lebens. "Du hast alles gehabt", widersprechen die Stimmen. Eine zweite Chance gibt’s nicht. Und wieso auch - der Zuschauer ahnt: Bruno würde ja doch die gleichen Fehler wieder machen. Oder ähnliche. Oder das Leben würde ihm dazwischen funken. So ist das nämlich, das Leben.

Am Ende steht das große "Ich hätte vielleicht...". Bruno ist nicht wirklich am Leben gescheitert, sondern an seinen eigenen Erwartungen. An seiner Schwachheit und Inkonsequenz.

Eine Tragödie? Nein. Bloß ein ganz normales Leben. Kein Anlass zum Kondolieren, keiner zum Applaudieren. Außer in der Bühnenfassung natürlich: Das Premierenpublikum spendete kräftigen Beifall.

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