Von Andreas Beckschäfer
Mit dem Schellenkranz in die Disco: Frank Spilker, gebürtiger Bad Salzufler, kehrte für ein Konzert zurück in die Heimat - 22(!) Jahre nach dem letzten Auftritt seiner Gruppe "Die Sterne" in der Kurstadt.
Bad Salzuflen. Mehr als zwei Jahrzehnte musiziert Spilker bereits als Vordenker, Sänger und Gitarrist der Sterne. Genug Zeit eigentlich, um musikalisch abzustumpfen. Denn selbst für einen der begnadetsten deutschen Texter der jüngeren Musikgeschichte müsste nach so langer Zeit doch eigentlich alles gesagt sein. Doch Pustekuchen - die Sterne erfinden sich einfach neu. Mal wieder.
Da, wo anfänglich noch im funkig-smarten Indie-Rock-Gewand der junge Spilker stellvertretend für die Mütter des aufmüpfig alternativ orientierten Nachwuchses die Frage "Was hat dich bloß so ruiniert?" stellte und sich 1999 "Big in Berlin" missverständlich zur groovig swingenden Selbstfindungs-Hymne der Hauptstädter aufschwang, da pumpen anno 2010 die Bässe und stampfen programmierte Beats. "Wohin zur Hölle, mit den Depressionen? Ich geh in die Disco, ich will da wohnen", deutet Spilker im unterkühlten, mit viel Hall unterlegten Sprechgesang an, über welch dunkle Pfade der Weg in den Club geführt haben mag.
Es ist faszinierend zu beobachten, wie im Salzufler Bahnhof die Jugend ausgelassen
tanzend der technoiden Versuchung erliegt, während sich die ältere Generation vermutlich endgültig ihres fortschreitenden Alters bewusst wird und sich mangels natürlichen Zugangs zu den synthetischen Beats an die in den Hintergrund gemischte Gitarre klammert. Ein wenig steht auch Frank Spilker selbst auf der Bühne für diese Unsicherheit, welche die musikalische Neuausrichtung seiner Band bei den Fans der ersten Stunde auszulösen scheint. Unentschlossen schwankt er zwischen eher hölzern wirkenden Tanzeinlagen und verschlossener Zurückgenommenheit. Der Wahl-Hamburger verpasst mehrfach seine Einsätze, liest die klugen, wenngleich nicht sonderlich umfangreichen Texte der Stücke des aktuellen Werkes "24/07" häufig vom Papier ab.
Etwa zur Mitte des zweistündigen Konzertes steigt er von der Bühne, um mit einigen Vertretern jener Generation zu tanzen, die vertraut ist mit jenen Discorhythmen, die hier aus den Maschinen gurgeln. Und wirkt, bestätigt durch die Begeisterung, die er hier spürt, fortan wie "angekommen" in seinem neuen musikalischen Kosmos. Als Frank Spilker zum Ende mit dem Schellenkranz die wummernden Bässe begleitet, wirkt das zugleich unfreiwillig nostalgisch wie mitreißend. So nehmen die Sterne letztlich auch sämtliche Zweifler mit in die Disco. Dass dort zudem verlässlich die alten Klassiker wie "Universal Tellerwäscher" laufen, macht den Abend auch für jene zu einem großen Vergnügen, die den elektronischen Visionen der ehemaligen Indie-Rocker eher skeptisch begegnen.






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