Detmold. Besorgte Eltern schlagen die Hände über dem Kopf zusammen, wenn im Kinderzimmer "Gangster-Rap" aus den Boxen dröhnt und Größenwahn und Kraftausdrücke Einzug halten. Doch es geht auch anders.
Es gibt eine regionale Rapszene, die abseits vom "Dicke Hose"-Image operiert, wie es Bushido und Konsorten pflegen. "Musik ist für mich ein Ventil für Gefühle wie Trauer, Wut und Zweifel", sagt etwa Pascal, der unter dem Künstlernamen Alazon rappt. "Klar ist die Straße immer mit drin in den Texten", sagt der 18-Jährige. Neben der üblichen Pose des Rap klingt aus seinen Tracks aber auch immer heraus, was Jugendliche in einer Phase des Lebens beschäftigt, in der man einmal nicht zurechtkommt.
"Rap ist dafür da, um aus dem Leben zu erzählen", meint Christian alias Rej Conner. Und das Leben ist eben kein Ponyhof: "Da sind Kinder, die Kinder zeugen/ Schuldenberg, bleiben tut nichts unterm Strich/ Alkoholprobleme, Hartz IV – das ist Unterschicht", formuliert er in "Unterschicht" eine eindringliche Zustandsbeschreibung vom Rande der Gesellschaft.
Hauptverantwortlich dafür, dass sich in Detmold eine eigene Szene entwickeln konnte, ist Jann Blumhoff. Er hat das Label "BloodGold Productions" gegründet, das talentierten Nachwuchsrappern wie Alazon und Rej Conner eine Plattform bietet. Blumhoff kümmert sich um Produktion und Vertrieb der Künstler und veranstaltet Events, um ihnen Auftritte zu ermöglichen. Letzteres gestalte sich in Detmold allerdings schwierig, denn: "Eine wirklich geeignete Location gibt es in der Stadt nicht", bedauert er.
Nachwuchsrapper zu finden, sei nicht schwer – solche, die das geforderte Talent mitbringen, indes schon: "Seitdem sich jeder zu Hause am Computer seine eigenen Beats zusammenzimmern kann, gibt es eine regelrechte Rap-Schwemme – und da ist unglaublich viel Schrott dabei", bewertet der Fachmann die jüngsten Entwicklungen der Szene. Immerhin: Ausreichend viel Qualität, um zwei "Detmold-Sampler" auf seinem Label zu veröffentlichen, hat er in der Residenz gefunden. Auf beiden ist mit dem Hip-Hop-Künstler Too Late auch ein Urgestein der regionalen Szene vertreten.
Der setzt seine Tracks nicht aus dem "Beatbaukasten" zusammen, sondern produziert die Instrumentalbegleitung im professionell ausgestatteten Home-Studio selbst. Dass die eigentlich so stolze Kultur dieser Musik zunehmend verkomme, lastet er auch den eingangs erwähnten "Gangster-Rappern" an. Die Popularität, die das Genre durch die Erfolge von Labeln wie "Aggro-Berlin" gewonnen habe, sei am Ende eher schädlich gewesen: "Von den Wurzeln des Hip-Hop ist da durch die Kommerzialisierung nichts mehr übrig." Dass es auch anders geht, zeigen die genannten Künstler, die exemplarisch für eine Gegenbewegung stehen, die zu den Wurzeln zurück will – und verunsicherten Elternteilen weit weniger Sorge bereiten dürfte.
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