Man nehme eine gehörige Portion jüdischen Witz, mische ihn mit berührender Musik und würze das Ganze mit einer Prise revolutionärem Geist - und fertig ist "Anatevka". Das Theater der Altmark aus Stendal hat das Stück in der Inszenierung von Dirk Löschner im Landestheater gezeigt.
Ein russisches Dorf, ein wackeliger Karren und darauf Tevje mit seiner Frau Golde. "Ist es Liebe?" fragt der sanftmütige Milchmann die Frau, mit der er von seinen Eltern verheiratet wurde. Golde ist wenig begeistert. Kann man nach 25 Jahren schrubben, putzen, kochen, knechten wirklich von Liebe reden? Sie singen ein rührendes Lied und stellen fest: Sie können es!
Die Szenerie umrandet Christopher Melching mit liebevoll konstruierten offenen Häusern auf der Bühne des Landestheaters und wählt die Kostüme so authentisch, dass man sich auch am 20. März 2011 ins Russland des frühen 20. Jahrhunderts versetzt fühlt. Aus einem der Fenster schaut der wunderbare Rabbi, der hin und wieder mit seiner hutzeligen Stimme ein "Mazel Tov" einwirft und damit immer richtig liegt.
Tradition wird in Anatevka groß geschrieben, denn ohne sie wäre das Leben "so unsicher wie der Fiedler auf dem Dach." Dieser Fiedler ist eine Frau und heißt beim Theater der Altmark, Kinneret Sieradzki. Wenn sie spielt, ist es, als müsse das Publikum kurz die Luft anhalten, um bloß keinen der anmutigen und zarten Klänge zu verpassen, die sie ihrer Geige entlockt. Die Menschen aus Anatevka sehen sich mit drohenden Pogrome konfrontiert, dennoch gelingt es ihnen, sich ihre Heiterkeit zu bewahren. Dicke bärtige Männer und Frauen in bodenlangen Röcken tanzen oder springen singend im Kreis über die Bühne. Angeheizt wird die Stimmung durch die sehr gute Klezmer Band. Aus den zünftigen Volkstänzen sticht vor allem eine elegante Szene heraus die ein weiteres Mal beweist: Ballett und Männlichkeit schließen einander nicht aus.
Zur Tradition gehört außerdem, dass die toll gespielte, schwerfällige, ständig prustende und grunzende Heiratsvermittlerin Jente "gute" Männer für Tevjes Töchter aussucht und die Auserwählten dann beim Familienoberhaupt um ihre Hand anhalten. Doch seine Töchter beschließen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Die älteste, Zeitel, verliebt sich in den armen Schneider Mottel. Tevje, gespielt von Manfred Ohnoutka, ist hin und her gerissen. Der reiche Fleischer wäre ihm lieber, aber dem strahlenden Blick seiner Tochter kann er nicht widerstehen. Und schließlich sind sie so glücklich zusammen, "dass sie gar nicht merken, wie beschissen es ihnen geht".
Eines Tages kommt der junge Lehrer Perchik, gut besetzt mit Jan Kittmann, nach Anatevka, beladen mit revolutionärem Gedankengut und wichtigen Weisheiten, wie "Traue nie einem Arbeitgeber!" Der Gute muss wohl vollkommen meschugge sein, denn er möchte, dass Frauen und Männer miteinander tanzen. "Ein Anarchist!"
Mit dieser Veränderung kann sich Anatevka dann doch noch anfreunden, aber damit ist es leider nicht getan. Der russische Zar befiehlt allen Juden, ihr Dörflein binnen drei Tagen zu räumen. Die liebenswerten Dorfbewohner zerstreuen sich in alle Himmelsrichtungen - und von Anatevka bleiben nur Erinnerungen. Und vielleicht die zarte Melodie des Fiedlers auf dem Dach.
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