Detmold. Eine verkorkste Mutter-Sohn-Beziehung, die auf dem sauberen Boden der nackten Tatsachen zerbricht: Das Nordharzer Städtebundtheater hat mit seiner Aufführung des Stückes "Der Nacktputzer" im Grabbe-Haus emotionale Abgründe aufgedeckt und dabei zu Lachtränen gerührt.
Wenn es einen Typ Mann gibt, dem man zutraut, mit fast 40 noch bei Mama zu leben, dann ist das Thomas. Eine possierliche Schleifenschürze verdeckt seinen rundlichen Bauch. Seine Puzzlekunstwerke hat Mama Patricia in der penibel aufgeräumten Wohnung aufgehängt. Die Beziehung zwischen Mutter und Sohn ist verkorkst. Obwohl - oder gerade weil - beide es dem anderen unbedingt Recht machen wollen, haben sie eine verlogene Beziehung voller Geheimnisse zueinander aufgebaut.
Benedikt Florian Schörnig spielt die Rolle des spießigen, verklemmten und doch liebenswerten Nesthockers perfekt. Und er lässt auch denRevoluzzer in Thomas lebendig werden, unter dessen steifer Schale sich ein lebenshungriger Kern versteckt. Der will CD-Hüllen offen herum liegen lassen, mit einem Streifen Zahnpasta im Mundwinkel am Küchentisch sitzen, das Hemd über der Hose tragen, kurz "einfach richtig leben". Um sein Revolutiönchen ins Rollen zu bringen, möchte er Mama mit einem Nacktputzer überraschen - schließlich hat die Gute seit 30 Jahren keinen nackten Mann zu Gesicht bekommen. Als der polnische Andrzej (Jörg Vogel) dann mutig alle Hüllen fallen lässt, äußert sich die "Freude" der Beschenkten in einer Ohnmacht.
Denn Patricia (Edith Jeschke), eigentlich eine akkurate, taffe Frau, pflegt eine hysterische Angst vor Terroristen. Was sollte der "Putzdienst" denn sonst wollen, außer Mutter und Sohn auszurauben, zu erschießen und anschließend das Haus in die Luft zu sprengen? Thomas und der Nacktputzer haben sich in einer Schwulenkneipe kennengelernt. Gut fürs Geschäft, sagt Andrzej. Und Thomas? Patricia empfindet ihren Sohnemann als so körperlos, dass sie sich mit jedem sexuellen Bekenntnis anfreunden könnte "Ach, wissen Sie, es ist mir egal, ob er hetero, homo oder transsexuell ist. Inzwischen wäre es mir sogar Recht, wenn er pädophil wäre", verkündet sie dem begeisterten Publikum im ausverkauften Grabbe-Haus. Sie will ihrerseits den Nacktputzer benutzen, um ihrem Sohn bei seiner sexuellen Orientierung zu helfen.
Doch Andrzej, der mit seiner schleimigen Art die windige Nacktputzer-Branche gut präsentiert, ist überfordert. Diesen Scherbenhaufen von Beziehung kann er nicht so einfach aufkehren. Mutter und Sohn verhilft er trotzdem zu einem offenen Dialog, in dem sich Mama mutig offenbart: "Glaubst du nicht, dass ich meine Bluse auch mal gerne bis zum zweiten Knopf öffnen würde?" Sie erkennen ihre, für den Zuschauer ohnehin offensichtlichen, Gemeinsamkeiten. Beide wollen sich in ihrem tiefsten Inneren von selbst auferlegten Zwängen lösen, erzählen sich gegenseitig von ihren Partnern, die sie angeblich schon seit Jahren heimlich treffen.
Oder spinnen sie das Lügennetz nur noch weiter und fallen doch wieder in alt Gewohnheiten? Während Mutter und Sohn noch versuchen, das Tohuwabohu zu beseitigen, welches der Nacktputzer in der Wohnung und in ihnen selbst angerichtet hat, erschüttert das gewaltige Donnern einer Explosion die Bühne. Ist Andrzej doch ein Terrorist? Olga Wildgrubers schlaue Inszenierung dieser hochamüsanten Komödie aus der Feder von Jörg Menke-Peitzmeyer lässt nicht nur diese Frage offen. Ganz deutlich wird aber, dass eine Mutter-Sohn-Beziehung, in der die Beteiligten es einander um jeden Preis Recht machen wollen, nur scheitern kann. Da mag das Kind noch so gute Geschenkideen haben.
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