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25.03.2011
CHARLOTTE MÖLLER
Mit Ironie gegen die Schubladen im Kopf

Schicksal, gibt es das? Gewinner und Verlierer, Gute und Böse, Schlaue und Dumme. Die Inszenierung um den gemütlichen Kommissar Bärlach bringt das Schubladensystem in den Köpfen der Zuhörer auf ironische Weise durcheinander.

Das Landestheater Burghofbühne aus Dinslaken brachte Dürrenmatts Roman "Der Richter und sein Henker" im Landestheater auf die Bühne. In einer kleinen Stadt wird ein Mord begangen. Bärlach, der Protagonist, wird mit dem Fall betraut. Dieser dickliche alte Kommissar (Thomas Ulbricht) versucht, seine letzte Chance, offene Rechnungen zu begleichen, um jeden Preis zu nutzen. Und sein allen Klischees gerecht werdender Erzfeind Gastmann (Michael Gabel) soll sein verworrenes Spiel verlieren. Egal, ob er mitspielt oder nicht. Gastmann hatte mit Bärlach vor Jahren im Suff eine Wette geschlossen. Er könnte vor den Augen des Kriminalisten einen Mord begehen, ohne dass dieser es bemerkt, geschweige denn, es ihm nachweisen könnte. Auch der Verdacht des Publikums fällt direkt auf diesen Mörder, der jedem Vorurteil gerecht wird: den angesehenen Industriellen Gastmann. Alle natürlichen Gesetze treten außer Kraft, während Thorsten Weckherlins Inszenierung ein Netz aus Verwirrungen scheinbar offensichtlicher Tatsachen kreiert.

Selbst Dürrenmatt (Philipp Sebastian), der im Stück auftritt und die Rolle des schöpfenden Erzählers übernimmt, scheint die Kontrolle über die Figuren seiner Fantasie zu verlieren. Sie tanzen ihm selbstbewusst auf der Nase herum und haben autonome, von ihm gänzlich unbeeinflusste Meinungen. Er wirkt hilflos und fast körperlos, als Gastmann ihn von seinem bequemen Sitz am Rand der Bühne vertreibt. Besonders sympathisch: die musikalische, energeisch-rhythmische Tippweise des Dichters parallel zu Kontrabass-Klängen (René Lozynski).

Sogar das Bühnenbild ist wohl eine Ironie auf die gefährliche Selbstüberschätzung der Figuren. Vor allem die Schweizer Flagge, die still über den skurrilen Szenen von "Der Richter und sein Henker" und unter einer grün angeleuchteten Gewitterwolke hängt, verleiht dem Stück eine noch spöttischere Aura. Die einzige Frau des Stücks, Stefanie Obermaier-Staltmeier wird dem Anspruch Thorsten Weckherlins, auch eine weibliche und emanzipierte Sicht auf die Dinge ins Stück einzubringen, leider nicht in angemessener Weise gerecht. Die von ihr verkörperten Rollen (Anna, Frau Schönler) wirken durchgängig nicht authentisch, sondern aufgesetzt und einstudiert. Diese Tatsache erschwert - genau wie das überlaute, desinteressierte Publikum - das Eintauchen in die Inszenierung. Obwohl man bei dem insgesamt satirisch-ironisch anmutenden Stück diese aufgesetzte Art als gewollt interpretieren könnte. Denn die Szenen, in denen Frau Obermaier-Staltmeier auftaucht, wirken nicht nur aufgesetzt, sondern auch ziemlich lustig. Ihre clownähnlichen übertriebenen Bewegungen unterstützen außerdem das Gefühl, dass die Rolle der Frau innerhalb des Stücks lächerlich gemacht wird.

Wie es sich für einen Krimi gehört, sterben innerhalb des Stücks natürlich gleich mehrere Personen: ein Diener, der von Bärlach als Henker missbrauchte Tschanz, Gastmann, ein unschuldiger Bluthund und natürlich der, dessen Ermordung die gesamte Geschichte erst auslöste, Polizist Schmied. Das Stück schafft es, das in der Gesellschaft weitverbreitete Schwarz-Weiß-Denken, die schnelle Einteilung in Opfer und Täter, charmant in Frage zu stellen.

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 25.03.2011 um 22:35:29 Uhr

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