Selbstmord? Auf jeden Fall, aber dann bitte öffentlich und mit einem triftigen Grund! Ob für die Opfer der Bürokratie oder aus unerwiderter Liebe, einen Grund gibt es immer. Das Hessische Landestheater Marburg inszeniert die modernisierte Fassung von Erdmanns Satire "Der Selbstmörder" erfrischend doppeldeutig.
Der arbeitslose Herbert Huber (Sebastian Muskalla) sieht keinen Sinn mehr in seinem Leben. Er weiß nicht mehr, wovon er und seine Frau Uschi leben sollen. Da rutscht ihm der verhängnisvolle Satz "…und wovon soll ich mein Leben bezahlen - mit meinem Leben?", heraus. Und schon meinen alle, er wolle sich etwas antun. Voller Panik kauft ihm seine Frau von dem letzten Geld eine Tuba, damit er seine Geschäftsidee "Huber bläst die Tuba" umsetzen kann. Aber wie spielt man eigentlich Tuba? Und plötzlich stehen sieben merkwürdige Gestalten vor der Tür, die von seinem Tod profitieren wollen. Man kann sich schließlich nicht grundlos erschießen…
Mitten in der Nacht wacht Herbert auf, weckt seine Frau und verlangt nach Leberwurst. Diese bringt ihm entnervt die gewünschte Wurst, aber Herbert will sie nicht mehr und wirft seiner Frau vor, sie wolle seinen "letzten Seufzer" hören. Diese unbedachte Äußerung ist die Grundlage des Stücks. Urplötzlich ist der für die Gesellschaft unwichtige Herbert Huber Zentrum der Aufmerksamkeit. Einige mysteriöse Zeitgenossen erscheinen und fordern ihn dazu auf, für ihre Absichten zu sterben.
Eine große "Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Gesagtem" und den Menschen, die nicht dazwischen unterscheiden können, wird deutlich. Die bitterböse Satire nimmt einen sicher nicht gerade kleinen Teil der Gesellschaft in den Blick: Menschen, die selbst zu feige sind, für ihre Bedürfnisse einzustehen. Diese Menschen suchen dann nach Leuten wie Herbert, die ihre Bedürfnisse für sie durchsetzen sollen. Durch dieses plötzliche Interesse an seiner Person gewinnt Herbert wieder an Selbstachtung und weiß gar nicht mehr, wohin mit seiner ganzen "Autorität".
Dabei hat er allerdings vergessen, dass er seinen Mitmenschen versprochen hat, sich für ihre Beweggründe zu erschießen. Und anstatt sein Versprechen zu halten, betrinkt er sich bis zur Besinnungslosigkeit. Herbert wird als tollpatschiger, leicht dümmlicher, aber dennoch treuherziger Charakter dargestellt, und so kommt er nicht umhin doch über einen möglichen Selbstmord nachzudenken. In dieser Szene zeigt Muskalla sein ganzes schauspielerisches Können, denn mit der Pistole in der Hand zählt er bis 1000 und stellt dabei einen ganzen Tagesablauf pantomimisch dar.
Bei dieser tollen Leistung fällt gar nicht auf, dass das Bühnenbild praktisch gar nicht vorhanden ist. Hansjörg Betschart konzentriert sich in seiner Inszenierung auf das Wesentliche. Deswegen beschränkt sich das Bühnenbild eben auf eine schwarze Wand mit sieben Türen im Hintergrund. In der Satire werden viele bittere Themen wie Tod, Arbeitslosigkeit, Ausgrenzung aus der Gesellschaft und Lebensmüdigkeit locker komisch aufgearbeitet. Dies wird besonders durch häufige Doppeldeutigkeiten erreicht. Etwa, wenn Uschis Mutter Herbert einen Witz erzählen soll, um ihn vom Selbstmord abzuhalten und meint, er wäre "zum Totlachen".
Oder wenn die Kanzlerin, die Herbert, vor Selbstvertrauen strotzend, anruft, den Hörer "aufgehängt" hat. Ebenfalls sehr gelungen war der Bezug zum Publikum, das aktiv mit eingebunden wurde. Sei es, wenn Herbert sich ein Handy aus dem Publikum lieh, um die Kanzlerin anzurufen, oder bei einer Verfolgungsjagd quer durch den Zuschauerraum. Aber auch in der Pause ging die Vorstellung weiter: Die Darsteller verkauften imaginäre Lose für "Lebensglück" und liefen durch das Theater, um sich mit den Zuschauern zu unterhalten.
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