"Lebendig tot": So bezeichnet Osvald sein Dasein, nachdem er im Internat ohne seine Eltern aufwuchs. Die oberflächliche Mutter-Sohn-Beziehung hat ihn und seine Mutter fürs Leben geprägt.
Im Stück des norwegischen Autors Henrik Ibsen, das das Rheinische Landestheater Neuss in Detmold gezeigt hat, steht die Witwe Helene Alving im Mittelpunkt. Am fünften Todestag ihres Mannes möchte sie mit der Vergangenheit abschließen und als Zeichen dafür die Eröffnung des von ihr gegründeten Kinderheims feiern. Zu dem, was sie vergessen möchte, gehört die Zeit, in der sie ihren Sohn Osvald jahrelang nicht sah. Sie gab ihn mit gerade mal fünf Jahren ins Internat und lebte fortan in unglücklicher Ehe. Nun, mit 26 Jahren, ist Osvald zurück und der Vater verstorben. Helene will ihren Sohn nun endlich bemuttern.
Die Bühne wird von einem großen Raum eingenommen, in dem sich nur ein Tisch mit Stühlen und drei brennenden Kerzen befinden. Auffällig ist die schräge Fensterwand im Hintergrund, deren schmale, creme-farbene Rahmen die Panoramasicht zum Horizont etwas beschränken. Ebenso ist die Kommunikation zwischen den Figuren beschränkt: Sie beherrschen die Kunst, Dinge nicht beim Namen zu nennen. Somit entstehen viele Ansätze zu Theorien, aber ganze Wahrheiten werden nicht ausgesprochen.
Die Thematik spricht an; selbst heute haben Frauen für Emanzipation noch zu kämpfen. Dies erklärt die Intention von Regisseurin Bettina Jahnke: Sie verjüngt die Hauptperson um 20 Jahre; Ibsen beschreibt Helene im Original als 60-jährige Dame.
Auffallend kontrastreich wirken auf der Bühne Helene ganz in Rot und der Pastor ganz in Schwarz; die unterschiedliche Gesinnung der beiden Figuren ist deutlich. Osvald trinkt ständig aus einer Milchflasche; er bedient sich einer freieren, fast kindlichen Moral. Das Aufeinandertreten dieser verschiedenen Ansichten sorgt für Auseinandersetzungen. Gleichzeitig klagt Helene über "fremde Anschauungen", welche sie in sich trägt, und bezeichnet sie als Gespenster, innere wie äußere.
Im norwegischen Original ist das Stück mit "Gengangere" betitelt, was wörtlich "Wiedergänger" beziehungsweise "Wiederkehrer" heißt. Was wiederkehrt, ist der Frust, den Helene all die Jahre in sich trug. Plötzlich ereilt sie die Nachricht, dass ihr Kinderheim in Brand stehen würde, und verzweifelt löscht Helene die drei Kerzen auf dem Tisch. Ihre Hoffnung, mit der Vergangenheit abzuschließen, ist gestorben. Mit "Gespenster" ersetzte das Rheinische Landestheater Neuss am Dienstag die ursprünglich vorgesehene Vorstellung "Kasper Häuser Meer".
Es handelt von vergangenen und aktuellen Lügen und Intrigen. Und weil diese nur erzählt werden, wirkt die Handlung anfänglich steif. Mehrere langatmige Blicke innerhalb der Gespräche verstärken diesen Effekt. Die Schauspieler hätten sich ruhig trauen können, die Bühne etwas mehr einzunehmen; stimmlich gelingt das Joachim Berger in der Nebenrolle des Engstard und Roman Konieczny als der Sohn Osvald Alving. Erst in der zweiten Hälfte kommt ein wenig Bewegung ins Spiel, als Osvald seiner Mutter offenbart, dass er an einer Krankheit leidet. Als Vorbereitung darauf stapelt er die Stühle und den Tisch an den Seiten des Raums. Die Bühne wirkt nun endgültig leer und kalt. Die letzten Worte von Osvald lauten: "Schenk mir die Sonne."
"Da ich selbst aktiv auf der Bühne stehe, möchte ich gern die "andere Seite" kennen- und verstehen lernen – diejenigen, die über Auftritte schreiben, die Leistungen vernichten oder für gelungen erklären."
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