Was tun, wenn man von der Vergangenheit eingeholt wird - und einem noch ein halbes Leben bleibt, damit zurechtzukommen? In Ibsens "Gespenster" muss sich eine Frau genau diese Frage stellen, als das Kartenhaus ihres Lebens über ihr zusammenbricht.
"Wir Menschen sind schwach", heißt es bei Ibsen, und in seinen "Gespenstern" wimmelt es nur so von gebrochenen Gestalten. Sei es Regine, die in einer Welt lebt, in der die Sonne aufgeht, wenn der Vater endlich verschwindet. Der Pastor, der etwas zu gerne in den Augen seiner Kollegin versinkt. Osvald, ein abgerissener Künstler, um den es auf Grund einer Erbkrankheit still geworden ist.
Und im Zentrum steht dessen Mutter Helene Alving, die von den Gespenstern der Vergangenheit eingeholt wird. Denn die Ehe mit ihrem Mann scheint weitaus schlechter gewesen zu sein, als weitläufig angenommen wird. Und jetzt, an dessen fünftem Todestag, kommt ihr Sohn aus Paris wieder, und die Geschichte scheint sie einzuholen. Auch wenn der Pastor erklärt, dass wir Menschen kein Recht auf das Glück haben, träumt Helene doch noch von einem erfüllten Leben. Doch die Ehe als verdeckter Abgrund - davon darf natürlich keiner erfahren, und schon gar nicht der eigene Sohn. Und so wirkt ihr Spruch "du hast keine Erinnerung an diese Zeit!" wie ein Mantra, mit dem sie sich selbst gerne helfen würde.
Der Fall der Helene Alving ist in einem Wintergarten angesiedelt, der mit Tisch und Stühlen recht karg ausgestattet ist. Am Himmel künden dunkle Gewitterwolken vom Unheil, das über die Familie hereinbrechen wird. In unterschiedlichstes Licht getaucht, begleiten die düsteren Wolken das Feuer oder lassen den Sonnenaufgang durchblinzeln, der Osvalds Ende atmosphärisch untermalt.
Henrik Ibsen schrieb seine "Gespenster" 1881. Er verarbeitet darin früher gesellschaftlich weitgehend tabuisierte Themen wie die Doppelmoral der Kirche, äußert aber auch Zweifel an der damaligen Rolle der Frau. Damalig, denn heute sieht das natürlich ganz anders aus. Dennoch hat die Inszenierung der Intendantin des Rheinischen Landestheaters Neuss, Bettina Jahnke, noch heute Sprengkraft. Um das zu erreichen, musste das Stück behutsam modernisiert, die Akzente auf andere Themen gesetzt werden. So entsteht ein Drama um eine Frau, die in der Mitte ihres Lebens feststellt, dass sie den falschen Lebensweg gewählt hat. Im Gegensatz zu Ibsens Original wird Helene Alving mit ihren 40 Jahren aber noch einige Zeit mit der Lüge leben müssen.
Katharina Dalichau zeichnet ein sehr intensives Bild der Helene und schafft es, in der einen Sekunde in Tränen, und in der nächsten in schallendes Gelächter auszubrechen.
Die Regisseurin legt bei ihrer Inszenierung besonderen Wert auf das, was die Figuren bewegt und was sie nicht aussprechen: ihr Scheitern. Es lohnt sich, genau hinzuschauen, um die subtilen, hie und da eingestreuten Hinweise zu erkennen. Zum Beispiel über Osvalds verlorene Kindheit, die er von seiner Mutter getrennt im Internat verbringen musste. Auf diese Zeit wird dezent hingewiesen, indem Osvald ausschließlich Milch trinkt - aus der Flasche oder dem Champagnerglas.
Trotz der interessanten Thematik lassen sich einige Längen nicht vermeiden. Das Stück zieht das Publikum nicht wirklich in seinen Bann, der Inszenierung gelingt es nicht, die Zuschauer die Welt draußen vergessen zu lassen. Im nur spärlich gefüllten Haus verklingt der Applaus so recht schnell.
Zum Schluss wird die Bühne in rotes Licht getaucht und Klaviermusik bricht los: Die Sonne geht auf, und das Schiff der Helene Alving geht unter.
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