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28.03.2011
CAMILLA MÄRZ
Wenn es nur ums "leben" geht

Detmold. Was passiert mit Menschen, wenn sie alles verlieren? Wenn die Familie plötzlich auseinander bricht und alles Glück verloren scheint? Die Württembergische Landesbühne Esslingen inszeniert Ibsens "John Gabriel Borkman" und versucht, diese Fragen zu beantworten.

Die Schneeflocken rieseln auf das Dachfenster des dunklen Raumes. Die Wände sind dunkel marmoriert, und nur kaltes Licht erleuchtet den düsteren Raum. Und in der Ecke in dieser kalten Umgebung steht John Gabriel wie paralysiert vor einem Bildschirm und hört Musik. Dass seine Frau und seine Schwägerin sich lautstark um den seinen Sohn Erhart streiten, bemerkt er nicht. Er lebt nur noch in seiner eigenen Welt, in der er sein "Wohlstandsimperium" geschaffen hat.

Im Zentrum des Stücks stehen die schwierigen zwischenmenschlichen Beziehungen der Familie Borkman, die individuelle Definition von Glück und ein gewaltiger Generationskonflikt. Gunhild Borkman ist besessen von dem Wunsch, dass der gemeinsame Sohn Erhart den beschmutzten Namen Borkman wieder reinwaschen soll. Indes möchte ihre Schwester Ella (Ute Seraina Schramm), die den Jungen großgezogen hat, dass er ihren Namen annimmt und ihr Erbe wird, da sie nicht mehr lange zu leben hat.

Die beiden Frauen hassen einander und buhlen um die Liebe Erharts. Dass Ella einst die Geliebte von John Gabriel gewesen ist, spielt ebenfalls eine große Rolle. Hass, Eifersucht und Missgunst sind die dominierenden Gefühle der Inszenierung. Nur John Gabriel steht darüber: Er kann niemanden als sich selbst lieben und sieht sich als Opfer der Justiz, und so verfällt er in krankhaften Ehrgeiz und abstoßenden Egoismus.

Die einzige Person, die sich von diesem grauenvollen Familiendrama abhebt, ist die fröhliche Fanny Wilton (Beatrice Boca), die Erhart aus dem intriganten Familiengeflecht zu befreien versucht und ihm Liebe schenkt.     
                                                                                                                                          Alle Schauspieler spielen ihre Rollen sehr überzeugend: Immer wieder bricht der Größenwahn aus dem depressiven John Gabriel (Ulf Deutscher)  hervor, was durch die lauten Buschtrommeln und das ekstatische Tanzen der Frauen zum Ausdruck gebracht wird. Immer wieder zitiert er Ibsens Gedicht "Der Bergmann", in dem vom düsteren Streben nach Reichtum die Rede ist:  Borkmans leitendes Motiv. Und auch Renate Winkler geht in ihrer Rolle als Ehrgeiz zerfressene Mutter auf.        
                                                                                                                                         Die Kostüme symbolisieren die verschiedenen Positionen der Charaktere besonders anschaulich. Während der gescheiterte John Gabriel und seine Familie allesamt schwarze Kleidung tragen, als seien sie "auf ihrer eigenen Beerdigung", strahlt die aufgeweckte Fanny durch ihren kunterbunten Mantel und ihre heitere Art im Gegensatz zu der depressiven Grundstimmung. Nur durch diese Eigenschaft kann sie Erhart befreien, der seine Familie für sie verlässt. Nun sind für seine Angehörigen alle Hoffnungen endgültig zerstört. Das Dach des gruftartigen Raumes stürzt ein und alles wird von einer weißen Schneeschicht bedeckt."Ein Toter und zwei Schatten": Da greift John Gabriel zur Waffe und erschießt seine Schwägerin mit den Worten "Willst du mit mir kommen?" und anschließend seine Frau. Während leise im Hintergrund "What A Wonderful World" ertönt, sitzt er allein in dem stillen Raum "bis zum letzten Lebenstag Hammerschlag auf Hammerschlag…"                         

Das Stück stößt auf die geteilte Meinung der Zuschauer: Einige Personen verließen das Theater schon nach der Hälfte der Zeit, fast alle anderen verharrten am Ende einen Moment still, um dann in stürmischen Applaus auszubrechen.

Ibsens Stück spiegelt einen Teil seines Lebens wieder, da er selbst bankrott war und mit großen finanziellen Problemen zu kämpfen hatte. Viele Probleme wie Entfremdung, verlorene Liebe und das aussichtlose Streben nach Glück werden angesprochen, aber er gibt keine Antworten, denn Ibsen war immer der Meinung, "sein Amt ist fragen, nicht Bescheid zu geben". 
 

Dokumenten Information
Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Dokument erstellt am 28.03.2011 um 18:55:21 Uhr
Letzte Änderung am 28.03.2011 um 18:56:14 Uhr

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