Detmold. "Kommt ein Mann zur Welt" weckt auf tragisch-komische Art den Bruno in uns, der im Selbstzweifel besonders gut ist. Ein fulminanter, berührender und amüsanter Festivalauftakt. Stetig klingen acht Stimmen durch Brunos Kopf, deren manchmal fast hypnotisch wirkenden Sprechchöre ihn sein ganzes Leben hindurch begleiten. Er fühlt sich durch diese Stimmen, die in der Vergangenheitsform sein gegenwärtiges Handeln kommentieren, wie ferngesteuert. So, als sei er nur der "Statist seiner selbst".
Bruno "lebt" auf der Bühne ein vollständiges Leben - das bereits vor seiner Geburt beginnt. Denn seine Existenz ist von seinem Vater nicht gewollt, ein Umstand, der ihn in sein Leben lang verfolgen wird.
Die Dialoge wechseln schnell, die Brüche wirken oft hart. So entwickelt sich aus der in zärtliche Bilder gefassten Szene, in der Bruno im Glitzerregen seine Liebe wiederfindet, ein hässlicher Alltagsstreit. Meist einfach gehaltene Mittel und Effekte in Bühnenbild und Ausstattung bestechen durch ihre Schlichtheit und enthalten doch eine Vielzahl tiefgründiger Elemente.
Das Leben steht nie still - wie auch die mobile Kulisse, eine übermenschlich große Schrankwand, die immer wieder von den Akteuren verschoben wird. Vieles bleibt der Fantasie überlassen und entspricht so Brunos Lebensphilosophie: "Es könnte auch alles ganz anders sein".
Heckmann setzt feine ironische Akzente
Ein karger Baumstamm im Zentrum der Bühne stellt Parallelen zum Leben des Protagonisten Bruno Stamm her. Die feine Ironie seines Namens wird deutlich, denn diesen "Stamm", die festen Wurzeln, sucht er sein Leben lang - und sieht doch meist den Wald vor lauter Bäumen nicht. Das Bruno am Ende versucht, den Baumstamm zu schultern und unter dessen Last zusammenbricht, vermittelt eindrücklich seine Überforderung mit den an ihn gestellten Erwartungen.
Ein Requisit - sein Kinderwagen - verlässt niemals die Bühne. Denn, wie er sagt: "Was ich bin, geht nie verloren." Und in Brunos Fall ist dieses "Ich" wohl die kindliche Naivität, die er auch im hohen Alter mit kreidegefärbten Haaren noch in sich trägt.
Die Lebensgeschichte des Bruno, vom altklugen Kind, über den vergnügungssüchtigen Teenager bis hin zur selbstgefälligen Witzfigur die der fettleibige Greis am Ende darstellt, spielte Daniel Kamen mehr als nur überzeugend. Seine außerordentlich facettenreiche Körpersprache wurde von gesanglicher Begabung ergänzt. So tönte "Brunos Lied" genau so rotzig und scheinbar willkürlich aus den Lautsprechern, wie die Figur es in der Mitte ihres Lebens selbst war. Doch als er später, als bereits gefallener Schlagerstern noch einmal kleine Melodien aneinander hing, da klang aus seinem Gesang tatsächlich eine traurige, berührende Schönheit.
Zwiesprache zwischen Bruno und seinem Inneren
Die "acht Ausländer", die Brunos Gewissen und Gedanken verkörperten, wuselten entweder wild durcheinander oder redeten in bedrohlichem Gleichklang auf ihn ein. Die stimmliche und darstellerische Präzision des Ensembles ermöglichte eine reale Beziehung, eine ewige Zwiesprache zwischen dem Menschen Bruno und seinem Inneren.
Am Ende wird selbst dem dramatischen Tod Brunos durch einen letzten Witz jegliche Ernsthaftigkeit genommen. Doch der gefallene Star, der zwischen den Erwartungen seiner Umgebung, dem Entscheidungsdruck und den Folgen seiner Entschlüsse gefangen scheint, bot jenseits der komischen Momente immer auch ein aufrichtiges Identifikationspotential.
Der langanhaltende Applaus des Publikums ließ viel Begeisterung erkennen. Und die war vielleicht nicht zuletzt deshalb so groß, weil in jedem Zuschauer auch ein kleiner Bruno steckt.
Anfänge einer Kultur-Kritik: Die LZ-Jugendkritiker haben in diesem Beitrag das Stück von Martin Heckmann "Kommt ein Mann zur Welt" analysiert und einen ersten Einstieg in die Rezension verfasst.
Annika DeppingBruno heißt der Protagonist in Martin Heckmanns moderner Groteske "Kommt ein Mann zur Welt". Er versucht verzweifelt seinem Leben einen Sinn zu geben - mit acht Ausländern im Kopf.
Anastasia Langer"Ich ziehe Kreise" fasst Bruno sein Leben zusammen - und lässt den Zuschauer" parallel die Kreise in seinem eigenen Leben erkennen.
Eva Eikmeier"Kommt ein Mann zur Welt" weckt auf tragisch-komische Art den Bruno in uns, der im Selbstzweifel besonders gut ist. Ein fulminanter, berührender und amüsanter Festivalauftakt.
Camilla März"Kommt ein Mann zur Welt" erzählt von der verzweifelten, orientierungslosen Figur Bruno, die versucht, in ihrem durch und durch gewöhnlichen Leben das Besondere zu finden.
Charlotte MüllerEtwas aufbauen, es anschauen, es wieder zerschlagen, um dann wieder neu anzufangen. Der ewige Zyklus, den Bruno durchschreitet, modelliert das Leben als bloßes Spiel, im stetigen Wettlauf mit der Zeit.
Lisa OordDer Auftakt des Theaterfestivals "Kommt ein Mann zur Welt" lässt viele Fragen zurück, die jeder von uns kennt - und warnt uns: "Das Leben geht weiter".
Stine VolkmannOrientierungslos, erfolgreich, gefallen: Bruno Stamm sucht in "Kommt ein Mann zur Welt" vergeblich seine eigene Identität in einer Welt voller Stereotypen.
Judith SielingMit einem Abend voller verpasster Möglichkeiten auf der Suche nach sich selbst gestattet Bruno dem Zuschauer auf ironische und unsentimentale Weise einen Einblick in sein Leben. Und das kommt dem Eigenen vielleicht näher, als man erwartet.
Laura-Antonia SchüringDie Frage nach den weit gefächerten Möglichkeiten, die das Leben bietet, hat die Landesbühnentage eröffnet. Ironische Brüche im Leben der Hauptfigur Bruno schaffen tiefgründige Einblicke in die Realität eines Stereotypen.
Sarah-Giulia KöhneSehnsüchte, Geltungsdrang und das Streben nach mehr - die zentralen Themen in "Kommt ein Mann zur Welt" appellieren an jeden Einzelnen und bieten gleichzeitig erfrischend viel Raum für tragisch-komische Momente.
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