Laut, farbenfroh, vulgär, leise: "Linie 1" bietet dem Publikum jede denkbare Empfindung authentisch und lebensnah. Dabei bedient sich das Stück gekonnt aller Klischees, räumt mit einigen aber auch gehörig auf.
"Was’n das für’n Gefühl? Ich bin in Berlin", dachte sich wohl auch das Publikum, als es sich plötzlich von Gestalten der Ober- und Unterschicht, von sympathischen und arroganten Charakteren umgeben sah.
Regisseurin Katrin Herchenröther verlieh dem Kult-Musical "Linie 1" aktuellen Witz und neuen Charme. Es wurden Sarrazin, dubiose Model-Scouts und schwule Bürgermeister angesprochen.
Die Produktion des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters trumpfte mit einem grandiosen Ensemble auf, wenn auch das gesangliche Niveau bei Hauptdarstellerin Nina Mohr (in der Rolle des Mädchens) zu wünschen übrig ließ. Die vielen Rollenwechsel brachten die unterschiedlichen Talente jedes einzelnen Schauspielers zum Ausdruck.
Eine vierköpfige Band spielte die teilweise skurrile Undergroundmusik auf der Bühne. Die magere Handlung des Stücks tat dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Das Mädchen vom Land befindet sich in Berlin, auf der Suche nach ihrer Liebe Johnny. So steht es im Programmheft, in Wirklichkeit hat das Stück aber einen viel tieferen Sinn. Es geht um die Anonymität der Großstadt, um verlorene Träume und um die Lebensfreude. "Linie 1" zeigte dem großen Publikum zweieinhalb Stunden lang einen Ausweg aus dem Alltag, nach dem auch die Protagonisten auf der Bühne suchten.
Zu Beginn der Aufführung zeigt sich noch der Egoismus der Großstädter in dem "U-Bahn-Blues", der stimmlich, aber vor allem inhaltlich überzeugte. Das ausgeflippte Berlin zeigt sich vor den U-Bahn-Fliesen auf der Bühne nicht unbedingt schillernd, aber auf jeden Fall authentisch. Das Bühnenbild war ausreichend, es gab ein paar Kisten, in manchen Szenen zudem Videoprojektionen, die den Hintergrund spannender gestalteten, aber nicht nötig gewesen wären. Die Dynamik der Darsteller hätte vor jedem Hintergrund überzeugt. Viele Licht-Effekte gaben die Stimmung der Protagonisten gekonnt wieder.
"Linie 1" greift viele Probleme auf - Rassismus, Drogenabhängigkeit und die Frage nach dem Sinn des Lebens - und behandelt sie mit Ernsthaftigkeit, Parodie, Witz und Gefühl. Die U-Bahn-Kontrolleure müssen plötzlich feststellen, dass nicht der Ausländer ein Schwarzfahrer ist, sondern der Mann mit Anzug und Krawatte.
Die Dialoge sind meistens umgangssprachlich und teilweise auch vulgär gehalten. Dies klingt aber nie bemüht, sondern in Anbetracht der Situation überzeugend.
Klischees über Obdachlose, Asoziale, Ausländer und die ältere Bevölkerung sorgten für Lacher, regten aber auch zum Nachdenken an.
Auch die parallel verlaufenden Dialoge zwischen dem Mädchen und Maria (sehr glaubwürdig: Katrin Schlomm), die einander nach der Liebe fragen, werden immer wieder durch die telefonierende Frau unterbrochen, die von Darmproblemen berichtet.
Besonders viel Applaus erhielt Schauspieler Jürgen Böhm. Der alte Herr, der von den Leiden des Älterwerdens berichtet, spricht aus was keiner mehr glaubt: "Mensch, det Leben is schön!"
Denn vor allem der Ausdruck "lebende Leiche" beschäftigt das ganze Stück über die Protagonisten. In einer Welt, in der man immer warten muss - warten auf die U-Bahn, warten auf den Partner, warten auf das Leben -, versuchen die Menschen, den Sinn in ihrem Dasein zu erkennen.
Auch wenn sich kitschige Elemente nicht ganz vermeiden ließen, passten sie doch zur der dynamischen und übertriebenen Grundstimmung.
"Linie 1" gibt dem Publikum einen Einblick in die Vielzahl der menschlichen Individuen und lässt uns am Ende erkennen, dass wir trotz aller Unterschiede doch irgendwie zusammen gehören. Jetzt fehlt uns nur noch der "Mut zu träumen".
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