Zwei Cafés in Lippe bieten "aufgeschobene" Kaffees für Bedürftige an

Idee aus Neapel verbreitet sich immer mehr

Von Seda Hagemann

Kunden spendieren Kaffee an Bedürftige - © Lippe
Kunden spendieren Kaffee an Bedürftige (© Lippe)

Kreis Lippe. Immer mehr Menschen bezahlen zwei Kaffees, trinken aber nur einen. Das zweite Getränk geht an Bedürftige. Die Idee aus Italien hat Lippe erreicht. Noch warten die spendierten Kaffees auf ihre Abnehmer...

Im Internet hat die Aktion als "Suspended Coffee", also "aufgeschobener Kaffee", Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Die Idee stammt aus Neapel. Dort war und ist es noch immer Tradition, einen Kaffee an Bedürftige in Cafés zu hinterlassen, besonders rund um die Weihnachtszeit. In ganz Europa gibt es mittlerweile Unterstützer, die wachsende Armut in Europa hat die Aktion beflügelt, die sozialen Netzwerke die Idee in Windeseile bekannt gemacht.  

In Lippe bietet neben dem Café Zabo in Oerlinghausen auch die Coffeethek Genusswelt im Bad Salzufler Ortsteil Schötmar als einer von zwei registrierten Aktionsunterstützern die Kaffeespende an. Die Resonanz ihrer Kunden sei positiv, erzählt Café-Betreiberin Sylvia Jörrens. Zehn Kassenbons mit spendierten Kaffees hängen an einer Tafel im Ladenlokal an der Begastraße und warten auf Abnehmer.

Bezahlen per Kassenbon: In der Coffeethek Genusswelt in Schötmar können Gäste einen Kaffee an Bedürftige spendieren. Der Bon mit dem bezahlten Kaffee hängt an einer Tafel. Gegen Vorlage gibt es einen Kaffee, wie hier von Torge Jörrens . - © Foto: Preuss
Bezahlen per Kassenbon: In der Coffeethek Genusswelt in Schötmar können Gäste einen Kaffee an Bedürftige spendieren. Der Bon mit dem bezahlten Kaffee hängt an einer Tafel. Gegen Vorlage gibt es einen Kaffee, wie hier von Torge Jörrens . (© Foto: Preuss)

Die Betreiberin vermutet, dass viele Lipper noch nicht von der Aktion gehört haben. "An unseren Schaufenstern hängen zwar Infozettel, aber die Hemmschwelle für Menschen, die sich momentan ein Getränk im Café nicht leisten können, scheint einfach auch noch zu groß zu sein. Es traut sich leider niemand, danach zu fragen", hat sie festgestellt. Die Erfahrungen in anderen deutschen Kleinstädten sind ähnlich, am Anfang zumindest. Die Idee der "aufgeschobenen Kaffees" habe es in größeren Städten sicherlich leichter, ein Bedürftiger könne dort eher anonym bleiben.

Sylvia Jörrens würde gerne die Freigetränke an sozialschwache Menschen verteilen und hofft darauf, dass die Lipper mutiger werden. Sie und ihr Mann Torge registrierten sich im Oktober auf der deutschen Aktionsseite (siehe Kasten) und werden dort seitdem gelistet. Tolle Idee und einfache Teilnahme für einen guten Zweck, so das bisherige Fazit der beiden. Doch wie diejenigen erreichen, die von der Aktion profitieren sollen? Sylvia Jörrens hat die Initiative ergriffen und vor einigen Wochen Kontakt zur Salzufler Tafel aufgenommen.

Dort hat sie mit einem Infoflyer auf das Angebot des Cafés aufmerksam gemacht. "Vielleicht traut sich der ein oder andere ja zu uns", sagt sie. Es sei natürlich nicht so einfach, sich selbst als Bedürftiger zu ‚outen‘. Wichtig ist ihr vor allem eins: "Wir nehmen keinerlei Prüfung vor. Wir verlangen weder einen Ausweis, noch beurteilen wir die äußere Erscheinung. Wer nach einem ‚aufgeschobenen Kaffee‘ fragt, bekommt ihn auch, wenn denn aktuell einer da ist."

Vielleicht helfe ja der Bericht, Barrieren abzubauen. "Ich würde mich freuen, wenn auf unserer Tafel mit ‚aufgeschobenen‘ Kaffees regelmäßig viel Bewegung ist", meint Ehemann Torge Jörrens.

Youtube-Video mit der Geschichte, die sich wie ein Lauffeuer im Netz verbreitet hat. 

Wikipedia-Eintrag zum "Caffé Sospeso"

Information
Eine neapolitanische Idee erobert die Welt

Den "Caffé sospeso" soll es in etwa seit 100 Jahren geben. Auf der deutschsprachigen Aktionsseite www.suspendedcoffee.de wird die Idee auf das Ende des 1. Weltkriegs zurückgeführt, nach dem die Not vielerorts sehr groß war. So auch in Neapel, dem Geburtsort des "aufgeschobenen" Kaffees. Für die Neapolitaner sei Kaffee ein sehr wichtiges Lebensmittel, ja sogar schon ein Grundrecht. Die reicheren Bürger hätten oft zwei Kaffees bezahlt, aber nur einen getrunken. Der Wirt notierte die spendierten Getränke und verteilte sie dann später an bedürftige Gäste. Diese Tradition lebt bis heute vielerorts in Italien fort. Mit der Wirtschaftkrise gelangte die Idee nach Bulgarien und Spanien und über die sozialen Netzwerke verbreitete sie sich im vergangenen Jahr auf der ganzen Welt. In Europa machen laut Portal bereits mehr als 135 Gastronomiebetriebe mit, in Deutschland sind 55 Lokale registriert – Tendenz steigend. Übrigens gibt es auch zwei Unternehmen in Bielefeld, die die Aktion unterstützen.  (seh)

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