Kirchengemeinde sucht 95 Thesen unserer Zeit

Jan-Christian Pinsch

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Steffie Langenau notiert den neuesten Antrag an der "Thesentür" der Auferstehungskirche. Die Pfarrerin nimmt alle Anregungen in ihre Gottesdienste auf. - © Jan Christian Pinsch
Steffie Langenau notiert den neuesten Antrag an der "Thesentür" der Auferstehungskirche. Die Pfarrerin nimmt alle Anregungen in ihre Gottesdienste auf. (© Jan Christian Pinsch)

Bad Salzuflen. Mit seiner Kritik an kirchlichen Missständen hat Martin Luther vor 500 Jahren die Reformation ausgelöst. Der Legende nach schlug er seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg. Die evangelisch-lutherische Kirchengemeinde Bad Salzuflen fragt sich nun, was wohl heute Gegenstand solcher Thesen wäre.

Dazu hängen im gesamten Monat März große Tafeln an den beiden Kirchen der Gemeinde, auf denen Passanten spontan oder gezielt mit Kreide ihre Anmerkungen zu Glaube, Kirche und Gesellschaft niederschreiben können.

Die Aktion wird angenommen: An der Erlöserkirche etwa entwickelte sich direkt ein Schreibgespräch. Stand dort zunächst „Krieg den Palästen", hatte jemand am folgenden Tag das Wort „Krieg" durchgestrichen und „Frieden für die ganze Welt" daruntergeschrieben. Später folgte noch das Bibelzitat „Liebt einander, wie Christus euch geliebt hat". An der Auferstehungskirche lobte ein Eintrag, dass auch das weibliche Geschlecht im kirchlichen Dienst vertreten ist.

Neben Formen der Dankbarkeit, etwa für die Geburt eines Sohnes, zeigten sich auch kritische Forderungen, die von einer endgültigen Einheit der Kirche bis hin zu einer neuen Reformation reichten.

„Die Mitbeteiligung der gesamten Gemeinde ist ein Erbe der Reformation", betont Pfarrerin Steffie Langenau. Dass diese Meinung grundsätzlich wichtig ist, zeigt ein Buch in der Kirche, in dem Besucher ganzjährig etwas eintragen können. „Dazu müssen sie aber erst einmal die Schwelle übertreten", erklärt sie. „Mit den Tafeln an der Tür öffnen wir den Raum nach außen." Zugleich bleibe die Anonymität der Teilnehmer gewährleistet.

Sorgen, dass ebendiese Anonymität rechte Hetzer auf den Plan rufen könnte, sind offenbar unbegründet: Anders als etwa die sozialen Netzwerke wurden die Tafeln bisher nicht als Plattform für diskriminierende oder menschenverachtende Ideen missbraucht. Steffie Langenau und ihre Pfarrkollegen nehmen daher alle Anregungen mit in ihre Gottesdienste. „Für mich als Predigerin ist es sehr spannend, dass ich mit meinen Gedanken nicht allein bin", meint Langenau, die hofft, dass dann auch die Autoren unter den Gottesdienstbesuchern sind.

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