Als die Tram durch den Südosten schaukelte

Stadtgeschichte: Vor 90 Jahren wurde die Straßenbahnlinie von Blomberg nach Horn eröffnet.

Patrick Bockwinkel

  • 0
Die Karte zeigt in etwa den Streckenverlauf und die Haltestellen der Straßenbahnlinie zwischen Blomberg und Horn. - © Karte: Geobasisdaten Lippe/Möller
Die Karte zeigt in etwa den Streckenverlauf und die Haltestellen der Straßenbahnlinie zwischen Blomberg und Horn. (© Karte: Geobasisdaten Lippe/Möller)

Blomberg. Aus heutiger Sicht klingt es ziemlich skurril, doch es ist wirklich wahr: Das kleine Blomberg hatte mal eine eigene Straßenbahnlinie. 1926 starteten erstmals mitten vor dem Deutschen Haus am Marktplatz die Trams in Richtung Horn und machten dabei auch in den Dörfern halt. Doch nur zehn Jahre später wurde das ehrgeizige Projekt wieder eingestampft. Archivar Dieter Zoremba hat das ungewöhnliche Kapitel der Stadtgeschichte aufgearbeitet.

Die Ausgangslage: Anfang der 1920er Jahre kam in Blomberg immer mehr der Wunsch nach einer besseren Verkehrsverbindung nach Detmold auf. "Gerne hätten die Einwohner eine Eisenbahnanbindung gehabt. Doch die wollte die Reichsbahn nicht realisieren", sagt Stadtarchivar Dieter Zoremba. Zwar gab es eine Stichbahnverbindung zum Bahnhof nach Schieder, um von dort aus über Altenbeken nach Detmold kommen zu können. "Doch das war sehr umständlich", erklärt Zoremba. Verkehrstechnisch hätten sich die Blomberger immer mehr vernachlässigt gefühlt, weshalb nach Alternativen gesucht wurde.

Information
Das Fazit des Stadtarchivars Dieter Zoremba

Mit Hilfe von alten Akten, Dokumenten, Protokollen, Zeitungsausschnitten, zeitgenössischen Schriften und Fotos hat Stadtarchivar Dieter Zoremba (Foto) das zehnjährige Kapitel Blomberger Straßenbahngeschichte erforscht. "Wenn man sich damit befasst, stellt sich schon die Frage, ob die kurze Laufzeit des Prestigeprojekts nicht von vorn herein abzusehen war. Auch, weil fast gleichzeitig der Omnibus immer stärker im Kommen war", sagt Zoremba, ohne das all zu kritisch bewerten zu wollen. Denn auch heute gebe es immer wieder Millionenprojekte, die aus dem Ruder liefen - wie der Flughafenbau in Berlin oder die Elbphilharmonie in Hamburg . "Was man aber auf jeden Fall festhalten kann, ist, dass sich die Straßenbahn im ländlichen Raum nicht durchgesetzt hat", lautet das Fazit von Dieter Zoremba. (bo)


Das gesamte Streckennetz vom 5. Oktober 1931 - © Bockwinkel/Privat
Das gesamte Streckennetz vom 5. Oktober 1931 (© Bockwinkel/Privat)

Das Projekt: Vor allem auf Betreiben des früheren Blomberger Bürgermeisters Dr. Volmer wurden 1924 Gespräche mit der Paderborner Elektrizitätswerke- und Straßenbahn-AG (PESAG) aufgenommen, die damals unter anderem die Linie zwischen der Domstadt und Horn betrieb. Die Idee: die bestehende Strecke von Bad Meinberg bis nach Blomberg weiterzuführen.

Die Kosten: Die Verhandlungen mit der PESAG gestalteten sich schwierig und langwierig - vor allem wegen der Kosten für die Gleise und Stromleitungen. Mit 1 Million Reichsmark - nach heutigem Stand in etwa 3,36 Millionen Euro - wurde der Bau veranschlagt. "Das Projekt wurde aus zwei Gründen mit einer großen Vehemenz vorangetrieben. Erstens, weil man unbedingt die Mobilität erhöhen wollte. Und zweitens als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, um auf die in den 20er Jahren herrschende Arbeitslosigkeit zu reagieren", erklärt Zoremba. Die Stadt Blomberg beteiligte sich schließlich mit 70.000 Reichsmark - rund 235.200 Euro - an den Gesamtkosten. Am 9. Februar 1926 wurde mit den Erd- und Gleisbauarbeiten begonnen.

Ein Triebwagen auf dem Blomberger Marktplatz - © Bockwinkel/Privat
Ein Triebwagen auf dem Blomberger Marktplatz (© Bockwinkel/Privat)

Die Strecke: Feierlich wurde am 11. September 1926 die neue Straßenbahnlinie von Blomberg nach Horn eröffnet. Das Ereignis war für die Nelkenstadt derart bedeutend, dass davon sogar Postkarten gedruckt wurden. Stündlich starteten fortan am Marktplatz die Triebwagen, die mit dem Blomberger Wappen verziert waren. Über den Kurzen Steinweg, die Heutorstraße und die Bahnhofstraße ging es Richtung Horn. Dabei machten die Straßenbahnen auch in kleinen Dörfern wie Herrentrup, Reelkirchen und Wehren Station. Der erste Wagen fuhr morgens um 6.30 Uhr in Blomberg los, der letzte kam um 23.30 Uhr am Markplatz an. Nicht nur für Personen, auch für Güter wurde die Tram genutzt.

Das Ende: Nachdem die Fahrgastzahlen im Jahr 1927 bei etwa 78.500 gelegen hatten, dürfte diese in der Folge rapide abgenommen haben. "Weitere Zahlen sind mir leider nicht bekannt", sagt Zoremba. Ab November 1931 schränkte die PSAG jedenfalls wegen schlechter Auslastung und Rentabilität den Straßenbahnverkehr deutlich ein. Der Anfang vom Ende der Blomberger Straßenbahngeschichte. 1936 zog die Lippische Landesregierung endgültig die Notbremse für das Projekt. Dafür wurde der Omnibusbetrieb ausgebaut - auch nach Detmold. Kurz darauf verschwanden die Stromleitungen und Masten. Auch die Gleise wurden zurückgebaut.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2017
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!