Hannelore verlässt Blomberg

Eva Morenz

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Beim Braten der Würstchen ist Hannelore Hinderks in ihrem Element. - © Foto: brink-medien
Beim Braten der Würstchen ist Hannelore Hinderks in ihrem Element. (© Foto: brink-medien)

Blomberg. Hannelore Hinderks gehört zu Blomberg wie der Alheyd-Brunnen zum Marktplatz. Jeder kennt sie, jeder mag sie. Vor 42 Jahren nahmen die Schwiegereltern von Marie-Luise Schmidt, Chef-Verkäuferin der gleichnamigen Fleischerei, die damals 25-Jährige bei sich auf. Nachdem die Metzgerei nun geschlossen wurde (die LZ berichtete), trennen sich die Wege Hannelores und der Familie Schmidt – und viele Blomberger fragen sich „Was passiert mit Hannelore?" Doch der Reihe nach.

„Sie kam bereits in frühen Kinderjahren aufgrund einer geistigen Behinderung in die Einrichtung Eben-Ezer nach Lemgo", beginnt Marie-Luise Schmidt die Geschichte, wie Hannelore ihren Weg nach Blomberg fand. Da Hannelore recht fit war, bemühten sich die Verantwortlichen der Einrichtung darum, dass sie in einer Pflegefamilie unterkam und dort beschäftigt wurde. 1975 nahm Familie Schmidt die damals junge Frau bei sich auf.

„Der Pastor in Eben-Ezer hatte guten Kontakt zu meinem Schwiegervater. Und der fragte, ob Hannelore nicht hier einen Platz bekommen könnte", berichtet Marie-Luise Schmidt. Also bekam Hannelore eine eigene kleine Wohnung und half bei der Reinigung des Geschäftsraumes, bügelte oder erledigte den Abwasch. „Das hat mir immer viel Spaß gemacht", erzählt die fröhliche Frau. „Das erste, was sie damals zu meiner Schwiegermutter sagte, war: ‚Ich esse alles – außer Bratkartoffeln‘", erinnert sich Marie-Luise Schmidt.

Bevor sie nach Blomberg kam, lebte Hannelore Hinderks bei einer Pflegefamilie auf einer Hühnerfarm und mistete dort die Ställe aus. Das war 1960. Richtig wohlgefühlt habe sie sich dort allerdings nicht. „Hannelore isst sehr gerne und dort hat sie nur Bratkartoffeln bekommen", erzählte Marie-Luise Schmidt, die sich in den vergangenen Jahren mit um die Frau kümmerte. Auf der Farm verbrachte sie insgesamt zehn Jahre. Danach ging sie zurück nach Eben-Ezer, ehe Familie Schmidt sie bei sich aufnahm.

In den 42 Jahren bei den Schmidts lernte Hannelore Hinderks viel dazu: vom Kochen und Haushaltserledigungen bis hin zum Lesen, Schreiben und Rechnen. Unterstützt wurde sie dabei stets von Marie-Luise Schmidt und ihrer Familie. Aber auch Vereine, in denen Hannelore mehr als 25 Jahre Mitglied war, halfen der 78-Jährigen, wo sie nur konnten. Und die Blomberger Bürger taten das Ihrige. „Wenn sie das Schwimmbad besuchte und auf dem Weg nach Hause war, wurde sie von Bürgern aufgegabelt, die ihr anboten, sie nach Hause zu bringen. Das war immer ganz toll und dafür sind wir auch sehr dankbar", sagt Schmidt.

Doch am liebsten verbrachte Hannelore ihre Zeit auf dem Wochenmarkt. Dort stand sie im Grillwagen und verkaufte Heiß- und Bratwürstchen an die Kunden. „Wenn sie freitags früh loswollte und ich sie fragte, wo sie denn hingehe, antwortete sie: ‚Meine Patienten warten. Ich muss auf den Markt.‘ Dort hatte sie stets das Kommando", sagt Schmidt und lacht. „Die Leute waren immer alle glücklich, wenn ich im Grillwagen stand und Würstchen gebraten habe", erzählt die 78-Jährige mit Tränen in den Augen. Denn dieser Aufgabe wird sie nun nicht mehr nachgehen.

Eine weitere Geschichte, an die sich Marie-Luise Schmidt gerne erinnert: „In der Fleischerei wurden regelmäßige Kontrollen vom Gesundheitsamt durchgeführt. Das ist für uns natürlich immer aufregend gewesen. Man wusste ja nie, ob die nicht mal irgendetwas zu beanstanden haben. Nach einem seiner Rundgänge schaute der Kontrolleur mal die Treppe in den Keller hinunter und sagte noch: ‚Da ist dann ja wohl nichts mehr‘ und wir waren erleichtert, dass die Kontrolle gut ausgegangen ist. Der Mann zog also seinen Kittel aus, als Hannelore aus der Küche rief: ‚Nein, unten im Keller, da braten wir Frikadellen.‘ Sie hat immer aufgepasst, das hier ja alles mit rechten Dingen zuging."

Seit Mitte Dezember ist die Seniorin zurück in Eben-Ezer. Der Abschied, bei dem auch ein paar Tränen geflossen sind, sei allen nicht leicht gefallen. „Hannelore gehört nach so vielen Jahren schließlich zur Familie", sagt Marie-Luise Schmidt. In der behindertengerechten Einrichtung fühle sie sich aber wohl. Marie-Luise Schmidt und ihr Mann Werner hätten Hannelore auch gerne weiterhin betreut, doch dies sei in ihrem Wohnhaus außerhalb des Stadtkerns nicht möglich. „Wir wohnen ab vom Schuss und nicht barrierefrei", erklärt die 62-Jährige. Der Kontakt zu Hannelore wird aber nicht abreißen.

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