IG Metall bekräftigt ihre Haltung im Streit mit Weidmüller

Ausschließlich über Personalabbau will die Gewerkschaft mit dem Detmolder Unternehmen nicht verhandeln

Thorsten Engelhardt

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Fordert andere Ansätze: Erich Koch, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Lippe, präsentiert ein Grundsatzpapier von Arbeitgebern und Gewerkschaft zur Industrie 4.0. - © Thorsten Engelhardt
Fordert andere Ansätze: Erich Koch, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Lippe, präsentiert ein Grundsatzpapier von Arbeitgebern und Gewerkschaft zur Industrie 4.0. (© Thorsten Engelhardt)

Detmold. Die IG Metall legt im Streit mit der Firma Weidmüller um den Abbau von 121 Arbeitsplätzen nach. Zwar soll es nächste Woche Freitag erste Sondierungen zwischen Vorstand und Betriebsrat geben, doch zu Gesprächen nur über Personalabbau stehe man nicht zur Verfügung. „Wir wollen auch über Alternativkonzepte verhandeln", sagte Erich Koch, Erster Bevollmächtigter der IG Metall am Freitag.

Weidmüller hat einen Umbau des Unternehmens angekündigt und will sich stärker zum Lösungsanbieter entwickeln. Detmold soll zentraler Technologiestandort werden, hier will man 25 Millionen Euro investieren. Gleichzeitig soll die Fertigung von Kunststoff-Serienteilen nach Rumänien und Tschechien verlagert werden. 121 Jobs sollen gestrichen werden, im Metallbereich will das Unternehmen 37 Stellen in Detmold aufbauen. Technologischer Wandel und die Digitalisierung (Industrie 4.0) seien die Treiber dafür.

"Billiger geht immer, besser ist die Zukunft"

Koch übte massive Kritik insbesondere an dieser Begründung. Dem Unternehmen gehe es vielmehr um Verlagerungen aus Kostengründen. Seit Jahren investiere Weidmüller zwar in den Technologiestandort Detmold, schwäche aber die Produktion. Der Vorstand verfolge eine Strategie kurzfristiger Gewinnmaximierung, aber keine langfristige Planung. „Billiger geht immer, besser ist die Zukunft", proklamierte Koch. Über solche Konzepte wolle man mit dem Vorstand verhandeln, nicht über Sozialpläne.

Alternativen gebe es durchaus, sagte Koch und führte dafür den Weidmüller-Mitbewerber Phoenix Contact ins Feld. In Blomberg werde die Fertigung als Kernkompetenz gesehen und nicht ausgegliedert. Mit Phoenix Contact gebe es eine Vereinbarung, den digitalen Wandel gemeinsam zu gestalten. Am Ende erhofft sich Koch ein Versprechen, dass durch Industrie 4.0 keine Arbeitsplätze wegfallen. Auch bei Weidmüller verlange man, den Weg zur Wettbewerbsfähigkeit mit und nicht gegen die Mitarbeiter zu entwickeln.

Die Signale des Vorstandes wirkten da verheerend. Das lähme das Unternehmen und raube Kraft, sagte Betriebsratsvorsitzender Robert Chwalek. Deshalb blockiere der Betriebsrat jetzt, wo er könne, bei Mehrarbeit genauso wie bei Einstellungen. Erst wolle man eine Perspektive für die eigenen Leute. Zum Thema Industrie 4.0 sind Gewerkschafter und die Weidmüller-Chefetage dennoch im Gespräch. Noch im Februar sitzt man dazu an einem Tisch.

Weidmüller-Sprecherin Marion Sommerwerck verwies auf den Gesamtzusammenhang. Das Konzept mit den Investitionen in den Technologiestandort Detmold und der Anpassung der Produktion sei aus Weidmüller-Sicht der richtige Weg, um Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit für das Unternehmen zu sichern. Dabei gehe es darum, Detmold als Standort für die Technologie zu stärken und gleichzeitig zu schauen, wie die weltweite Produktion optimiert werden könne. Im Übrigen investiere das Unternehmen über die Weidmüller-Akademie schon jetzt viel Geld in die Qualifikation der Mitarbeiter für die Industrie 4.0.

"Kronzeuge" Phoenix Contact

Die IG Metall hat in ihrer Auseinandersetzung mit Weidmüller den Wettbewerber Phoenix Contact quasi zum Kronzeugen aufgerufen. Was sagt Phoenix Contact dazu? Man werde die Aktionen anderer Unternehmen nicht bewerten, so Pressesprecherin Angela Josephs.

Sie bestätigte aber, dass die Blomberger Elektrotechnikhersteller eine Vereinbarung mit der Gewerkschaft getroffen haben. Industrie 4.0 biete Perspektiven für Mitarbeiter und für Unternehmen. Gemeinsam mit Gewerkschaft und Betriebsrat wolle man Rahmenbedingungen schaffen, die diese Perspektiven förderten: Neben Ausbildung und Qualifizierung seien insbesondere auch flexible und sichere Arbeitsbedingungen gemeint, die Raum für Wachstum und Innovation ermöglichten.

In dem Prozess solle jeder mitgenommen werden, erläuterte sie. Deshalb kommuniziere man intensiv und baue Qualifikationsprogramme auf. Zur Philosophie gehöre es, Arbeit zu erhalten. Doch wohin der Wandel letztlich führe, wisse man nicht, deshalb könne niemand eine absolute Arbeitsplatzgarantie geben. Auslandsfertigungen hat auch das Blomberger Unternehmen, allerdings seien die nicht durch Verlagerung entstanden, sondern durch Wachstum. Verlagerungen bedeuteten immer einen Riss in der Wertschöpfungskette.

Kommentar: Verengte Sichtweise

von Thorsten Engelhardt

Industrie 4.0 bedeutet die Digitalisierung der Arbeitswelt. Maschinen sollen direkt miteinander kommunizieren. Die komplett vernetzte Fabrik wird die Arbeitswelt stark verändern, und dieser Wandel wirkt sich schon jetzt aus. Zum Beispiel bei der Frage, wie sich Unternehmen darauf vorbereiten.

Es ist verständlich, dass die IG Metall die Diskussion bei Weidmüller auf die beabsichtigten Stellenstreichungen verengt. Denn hier geht es um existenzielle Sorgen – und zwar beim klassischen Gewerkschaftsklientel. Vergleiche zwischen unterschiedlichen Herangehensweisen, wie ihn die Gewerkschaft in diesem Zusammenhang angestellt hat, hören sich schmuck an, helfen aber nicht weiter. Denn sie suggerieren, dass es allgemeingültige Antworten auf die Frage gibt, wie der Wandel zu bestehen ist. Die gibt es aber nicht. Jedes Unternehmen muss seinen eigenen Weg finden, weil jedes Unternehmen von anderen Ausgangspunkten losmarschiert und andere Dinge in seinem Rucksack hat.

Eines ist allen gemeinsam: Wohin der Weg letztlich führen wird, weiß niemand. Also gilt Vorsicht vor Wegen, die als richtig angepriesen werden. Sie müssen es nicht für jeden sein, und keiner ist sie bisher gegangen. Aber jeder muss sich so gut wie möglich wappnen. Übertragen auf den Wandel zur Industrie 4.0 heißt das, dass die Unternehmen vor allem in Technologieführerschaft investieren müssen, um bestehen zu können.

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