Interview: Lipperin zieht nach zweijähriger Arbeit in der Adenauerstraße Bilanz

Die Notunterkunft schließt zum Jahresende

Erol Kamisli

Hat Freude an ihrer Arbeit: Tabea Beer ist die Detmolder ASB-Verantwortliche. - © Bernhard Preuß
Hat Freude an ihrer Arbeit: Tabea Beer ist die Detmolder ASB-Verantwortliche. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Tabea Beer (30) ist seit Herbst 2014 dabei. Sie hat die Entwicklung der Einrichtung, die der Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) im Auftrag der Bezirksregierung Arnsberg betreut, vom ersten Tag an miterlebt.

Frau Beer, denken Sie sich manchmal, wenn ich gewusst hätte...

Tabea Beer: Klar, aber ich würde den Satz nicht beenden mit: ...würde ich es nicht wieder machen.

Sondern?

Beer: Wir hatten hier in Detmold in Spitzenzeiten bis zu 750 Menschen aus knapp 40 Nationen und haben gemeinsam mit der Stadt, der Bezirksregierung, Verbänden sowie Kirchen, Moscheen und Ehrenamtlern unser Bestes gegeben, um den Flüchtlingen zu helfen. Keiner war auf die Situation vorbereitet, für alle war es eine Premiere ohne Erfahrung und Vorbereitung. Wir haben alle bei Null angefangen und Pionierarbeit geleistet.

Was war das für ein Gefühl?

Beer: Es war chaotisch und ein personeller und organisatorischer Kraftakt. Aber trotz der historisch hohen Zugangszahlen musste kein Flüchtling auf der Straße schlafen.

Sie waren ja von Anfang an dabei, aber erst mal gar nicht als ASB-Verantwortliche?

Beer: Das stimmt. Ich habe am 1. November 2104 im Café Welcome angefangen und habe dann im März 2015 die Leitung für den ASB hier übernommen.

Information
Persönlich

Tabea Beer ist im hessischen Gießen geboren und lebte anschließend mit ihren Eltern am Starnberger See. Nach ihrem Abitur studierte die überzeugte Christin Theologie und Erziehungswissenschaften in Freiburg – zwischendurch legte sie immer wieder Auslandsaufenthalte ein, die sie in viele Länder rund um den Globus führten. Der Glaube spiele eine große Rolle in ihrem Leben und habe ihr in schwierigen Situationen sehr oft geholfen. Sie ist verheiratet, kocht und isst sehr gerne. Darüber hinaus entspanne sie beim Joggen und bei Wanderungen in der Natur.

Sie betonen die gute Zusammenarbeit – was ist denn hier in Detmold so besonders?

Beer: Wir haben mit vielen Einrichtungen in NRW und bundesweit Kontakt. Das Detmolder Modell der Unterbringung hat sich überregional einen Namen gemacht, da wir hier ohne Mauern und Zäune ausgekommen sind.

Aber Stress gab es hier auch....

Beer: Natürlich gibt es Ärger. Wenn 750 fremde Menschen auf einmal in so beengten Verhältnissen leben müssen, kommt es immer wieder zu Reibereien.

Was waren das für Reibereien?

Beer: Diese Menschen haben natürlich, wie wir auch, ihre Vorurteile. Einige wollten nicht mit Dunkelhäutigen ins Haus, weil die Kinder angeblich Angst haben. Andere wollten mit Menschen ihrer eigenen Kultur zusammenleben. Und es gab Streit nach Alkoholkonsum.

Wie wurden die Konflikte gelöst?

Beer: Wir haben zugehört, waren höflich und haben versucht, Lösungen zu finden und bei Bedarf auch andere Organisationen eingeschaltet. Durch diese Kommunikation haben wir es erreicht, dass für viele Flüchtlinge Detmold ein neues Zuhause auf Zeit geworden ist.

Es gab aber auch Schreckensmomente, die von außen kamen...

Beer: Ja, einige Einheimische haben ihr hässliches Gesicht gezeigt. Hier wurde mit Schreckschusspistolen geschossen und es wurden Böller gezündet.

Reden Sie und ihre Mitarbeiter dann mit den Flüchtlingen über solche Ereignisse?

Beer: Ja, wir kehren es nicht unter den Teppich. Wenn wir mit den Menschen gesprochen haben, kamen natürlich Kriegs- und Fluchterinnerungen auf. Wenn Frauen sich mit drei Kindern auf den Weg nach Europa machen und unterwegs ein Kind entführt und die Mutter brutal vergewaltigt wird, dann läuft es mir eiskalt den Rücken runter. Ich habe Menschen mit schlimmen Brandverletzungen gesehen. Es waren zum Teil schlimme Bilder, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Und wie gehen Sie damit um?

Beer: Ich höre zu, und wenn ich helfen kann, zögere ich nicht.

An was erinnern Sie sich gerne nach zwei Jahren?

Beer: Die schönen Seiten überwiegen. Ich kann es nicht an einem Erlebnis festmachen, es sind viele kleine Dinge. Strahlende Kinderaugen, wenn zum ersten Mal eine Schaukel getestet wird. Ich habe oft beobachtet, wie die Leute bei der Ankunft völlig erschöpft aus dem Bus gestiegen sind, zum Teil verängstigt und von der Ungewissheit belastet. Es war dann schön, zu sehen, wie sie sich nach wenigen Wochen erholt haben. Diese Menschen zu begleiten, ist ein sehr schönes Gefühl, das ich auch nach wie vor habe.

Hat sich Ihr Blick auf die Medien durch ihre Arbeit verändert?

Beer: Auf jeden Fall. Ich bin immer wieder erstaunt, über welche Sachen nicht berichtet wird. Und immer wieder diese Schwarz-Weiß-Malerei. Auf der einen Seite die Gutmenschen und ihnen gegenüber die Rechtsradikalen. Das ist eine schlimme Entwicklung, denn es verunsichert viele Menschen in der Nachbarschaft von Flüchtlingsunterkünften. Vor allem nach Ereignissen wie in der Kölner Silvesternacht, wenn der Anschein erweckt wird, dass der Staat handlungsunfähig ist, dann ist das Futter für die Rattenfänger vom rechten Rand.

Gab es denn hier Übergriffe gegen Mitarbeiterinnen?

Beer: Nein. Natürlich sind viele alleinreisende Männer unterwegs. Wir haben mit allen Mitarbeiterinnen gesprochen, wer sich bedroht fühlt, soll sich sofort melden, dann wird Anzeige erstattet. Doch bisher hat sich niemand gemeldet.

Wissen Sie schon, wie es für Sie persönlich weiter geht?

Beer: Ich werde auf jeden Fall beim ASB bleiben. In welcher Funktion, steht allerdings noch nicht fest. Die Problematik ist ja weiter präsent – Kriege, Hungersnöte und Flüchtlinge. Die Grenzen sind nur dicht gemacht, und es herrscht gerade eine Schein-Ruhe. Das kann sich schnell ändern. Die Flüchtlingsproblematik ist ein globales Problem, das uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Das haben wir in Detmold hautnah mitbekommen.

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