Digitales und vernetztes Bauen im Trend: Land fördert Hochschulprojekt

Die Simulation in einer Computer-Brille hilft dabei, Pannen zu vermeiden

Erol Kamisli

  • 0
Erfundene Welten: An der Wand hängen nur Ausdrucke aber mit einer Virtual-Reality-Brille, wie sie Prof Hans Sachs in der Hand hält, kann man in die am Rechner entworfenen Fantasielandschaften eintauchen. - © Bernhard Preuß
Erfundene Welten: An der Wand hängen nur Ausdrucke aber mit einer Virtual-Reality-Brille, wie sie Prof Hans Sachs in der Hand hält, kann man in die am Rechner entworfenen Fantasielandschaften eintauchen. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Manche Baustellen-Rundgänge – gleichgültig, ob bei privaten oder öffentlichen Bauten – bieten böse Überraschungen. Etwa, wenn kurz vor Fertigstellung auffällt, dass die Treppe schief, der Keller zu klein oder eine Bahnbrücke zu breit ist – wie jüngst im rheinland-pfälzischen Niederahr. So eine Panne hätte es mit dem digitalen Bauen nicht gegeben, ist sich Dipl.-Ing. Hans Sachs von der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur der Hochschule OWL sicher.

Denn schon allein die Computer-Simulation der Neubauten im dreidimensionalen Raum hätte das Problem verdeutlicht, bevor die Bagger anrollten. Hans Sachs, der seit einem Jahr in Vertretung die Professur Lehrgebiet Computer-Aided-Design (CAD – zu Deutsch rechnerunterstütztes Konstruieren) innehat, geht davon aus, dass in der Architektur und im Bauwesen eine digitale Revolution im Gange ist, bei der solche Simulationen vor dem Spatenstich zum Standard werden.

Für sein Projekt an der Hochschule OWL unter dem Titel: „Industrie 4.0 in der Lehre – kooperatives Entwerfen in virtuellen und vernetzten Räumen" – erhält der 36-Jährige nun 47.000 Euro vom Stifterverband und dem NRW-Wissenschaftsministerium. „Ich bin natürlich glücklich, dass das Projekt gefördert wird, denn der Einsatz digitaler Medien hat in den vergangenen Jahren nicht nur unsere Arbeit stark beeinflusst, sondern auch die formale Gestaltung und die daraus resultierende Erscheinung und Wahrnehmung von Architektur maßgeblich verändert."

Dazu gehöre auch das Modellieren von Gebäuden mit Hilfe von Daten (auf Englisch Building Information Modeling, kurz BIM), das in Vorlesungen und Seminaren thematisiert werde. BIM, das bedeute Planen in der fünften Dimension. Bestandteile sind dreidimensional digitalisierte Bauzeichnungen.

Sie sind verknüpft mit Technologien von Datenbanken, auf die alle Baubeteiligten Zugriff haben. Mit der neuen Technologie wollen Experten Kosten präziser kalkulieren, die Folgen von Veränderungen besser vorhersagen und teure Bau-Pannen vermeiden. „Man kann die Fehler digital machen und daraus lernen", sagt Sachs.

Geld fließt in Personal und Ausstattung

Das digitale Bauen habe einen ganz anderen, offenen Umgang mit Fehlern und möglichen Pannen zur Folge, fügt der 36-Jährige hinzu. Es sei möglich, Risiken von Planänderungen genauer zu bemessen und Informationsverluste zwischen den verschiedenen Partnern am Bau zu vermeiden.

Am Computer könnten schon mal alle möglichen Varianten durchgespielt werden, etwa wie sich Kosten und Bauzeiten beim Einsatz verschiedener Materialien verändern. „3D-Pläne zeigen zudem kollidierende Planungen automatisch an, wenn etwa Lüftungsrohre und Elektrokabel an derselben Stelle verlaufen sollen", meint Sachs. In den dreidimensionalen Bauplänen könne der Mensch mit Hilfe der Computer-Brille in Gebäuden spazieren gehen, bevor der erste Stein gesetzt sei.

Daher sei es wichtig Hochschulen für die Industrie 4.0 wettbewerbsfähig zu machen. Es reiche nicht mehr, lediglich Inhalte – wie etwa ganze Vorlesungen – digital ins Netz zu stellen, sondern es müssten Fähigkeiten für die digitale Welt der Zukunft entwickelt werden. Die digitale Welt bringe eine noch nie da gewesene Veränderung der Gesellschaft mit sich.

Es sei das erste Mal möglich, nicht nur von Mensch zu Mensch, sondern auch von Mensch zu Objekt zu kommunizieren und in Lichtgeschwindigkeit Wirkungen zu erzielen. Ziel sei es, die Zusammenarbeit und den Austausch zwischen den Studierenden zu intensivieren und durch den Einsatz innovativer Bedienschnittstellen- und Projektionstechnologien in der Lehre zu etablieren.

Die einjährige Projektförderung läuft seit diesem Monat. Die Fördersumme ist zweckgebunden für die Anschubfinanzierung der geplanten Lehrinnovation an der Hochschule OWL. Hans Sachs möchte von dem zugesprochenen Geld unter anderem weitere Mitarbeiter einstellen sowie Virtual Reality-Brillen, PCs und 3D-Modelling-Software anschaffen.

Das Förderprojekt spült nicht Geld in die Hochschul-Kassen, sondern ermöglicht auch einen intensiven Austausch mit anderen Hochschulen, die ebenfalls gefördert werden. „Darauf freue ich mich sehr", sagt Sachs.

Information
Neugier als Bestandteil des Studiums

Das Wissenschaftsministerium des Landes NRW und der Stifterverband fördern digitale Lehre an 20 NRW-Hochschulen mit zwei Millionen Euro. Dipl-Ing. Hans Sachs von Hochschule OWL bekommt für sein Projekt 47.000 Euro. „Wir müssen beim Thema Industrie 4.0 am Ball bleiben und auch unsere Studierenden für diese Thematik sensibilisieren" , sagt Sachs. Die Neugier auf neue Technologien sei eine der Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches Studium. Denn auch in der Architektur verschmelzen Entwicklungs-, Planungs- und Fertigungsprozesse durch Automation und digitale Vernetzung, fügt der 36-Jährige hinzu.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2017
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!