Ein Gesicht prägt das Detmolder Gericht

Ulrich Brüggemann

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Herr der Schlüssel: Justizbeamter Reinhard Kleesiek vor dem Landgericht Detmold. - © Gunter Held
Herr der Schlüssel: Justizbeamter Reinhard Kleesiek vor dem Landgericht Detmold. (© Gunter Held)

Detmold. Der markante Schnurrbart fällt auf. Mit ihm ist Reinhard Kleesiek eigentlich das Aushängeschild des Landgerichts Detmold. Der Justizhauptwachtmeister fällt wegen seines gezwirbelten Bartes auf allen Fotos, die während vieler Strafprozesse der Landgerichtskammern gemacht worden sind, auf. Und die Bilder mit dem 64-Jährigen sind um die Welt gegangen.

Zeitungen in Amerika, Israel und der Türkei brachten ihn zusammen mit Angeklagten, die in spektakulären Prozessen verurteilt wurden, auf die Titelblätter der internationalen Presse. Auch auf Fernsehbildern der Nachrichtensender war Kleesiek zu sehen.

Einer dieser bedeutenden Prozesse war die Verhandlung der Schwurgerichtskammer des Detmolder Landgerichts gegen den mittlerweile verstorbenen ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning aus Lage. Der damals 94-jährige SS-Unterscharführer war wegen der Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen in der Zeit von 1943 bis 1944 im Konzentrationslager Auschwitz angeklagt. Hanning wurde im Juni 2016 dafür zu fünf Jahren Haft verurteilt. Und während des Urteilsspruches saß Reinhold Kleesiek, wie in den 20 Prozesstagen zuvor auch, immer hinter dem Angeklagten.

Der Justizhauptwachtmeister war es auch, der Hanning vom Auto im Rollstuhl in den Gerichtsaal schob, das passierte zu Beginn eines jeden Verhandlungstages immer im Blitzlichtgewitter der internationalen Presse. So kam es, das Kleesiek und Hanning auch die Titelseite der New York Times zierten, als diese über den Prozess genauso wie zahlreiche kanadische Blätter berichtete.

Reinhard Kleesiek ist seit 34 Jahren beim Landgericht in der Detmolder Paulinenstraße tätig. Dort arbeitet auch seine Ehefrau als Vollzugsbeamtin für den Jugendarrest Mädchen. Kleesiek ist Vater zweier erwachsener Kinder, die Tochter ist Polizeibeamtin und der Sohn Justizfachwirt beim Amtsgericht Detmold.

Besonders erinnert sich Reinhard Kleesiek noch an einen Prozess im Jahr 1987 in Detmold. Damals mussten sich zwei Angeklagte wegen eines Raubüberfalls vor den Richtern verantworten. Direkt nach der Urteilsverkündung haben die beiden Männer Kleesiek und einen Kollegen angesprungen und zu Boden geworfen. Einem der Männer gelang die Flucht aus dem Justizgebäude. Der Verbrecher hatte aber die Rechnung ohne den Detmolder Justizhauptwachtmeister gemacht. Dieser setzte dem Flüchtigen nach und stellte ihn auf der Paulinenstraße.

Bei der Rangelei fiel der Flüchtende in eine Schaufensterscheibe, die aber zum Glück nicht zersplitterte. Kopfschmerzen waren der Lohn für den kurzen Ausflug in die Freiheit. „Das war ein erfolgloser Fluchtversuch", sagt Kleesiek heute über das damalige Geschehen. Heute wäre so eine Flucht aus dem Gerichtsgebäude undenkbar, weil Sicherheitsschleusen ein Entkommen unmöglich machen.

Nicht vergessen wird Reinhard Kleesiek auch den Prozess um die Ermordung der Jesidin Arzu Özmen. Fünf Geschwister und die Eltern der jungen Frau mussten sich damals vor Gericht verantworten. Die Geschwister verurteilte das Landgericht zu langen Haftstrafen, der Vater wurde zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt während die 
48-jährige Mutter eine Bewährungsstrafe von einem Jahr erhielt.

Wenn Kleesiek die Angeklagten in den Gerichtssaal führt, nimmt er hinter den Beschuldigten Platz und beobachtet diese während des Prozesses. Dann zeigt sich auch seine Jahrzehnte lange Prozesserfahrung: „Ich merke, wenn einer das Lügen anfängt. Die Widersprüche werden schnell offensichtlich", sagt der Justizhauptwachtmeister.

Wenn Kleesiek im März nächsten Jahres aus dem aktiven Berufsleben ausscheidet, tut er dies „mit einem lachenden und einem weinenden Auge".

Dann hat er aber genug Zeit, um in seinem Lieblingsort Steinhude die Zeit zu verbringen. Er segelt gern auf dem Steinhuder Meer, wo er das Boot eines Bekannten nutzen kann. Reinhard Kleesiek ist aber auch ein begeisterter Modellbauer, Eisenbahn- und Kirmesmodelle gehören zu seinen bevorzugten Bastelobjekten.

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