Das Gemeinsame steht in der Lebenshilfe über allem

Martin Hostert

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Von seinem Büro blickt Bernd Conrad auf eine alte Kastanie oder noch ältere Villen in Detmolds Süden. Normalerweise an der Wand gegenüber hat das Panoramafoto von Raoef Mamelov seinen Platz, auf dem 13 Menschen mit Down-Syndrom das letzte Abendmahl nachstellen. - © Bernhard Preuss
Von seinem Büro blickt Bernd Conrad auf eine alte Kastanie oder noch ältere Villen in Detmolds Süden. Normalerweise an der Wand gegenüber hat das Panoramafoto von Raoef Mamelov seinen Platz, auf dem 13 Menschen mit Down-Syndrom das letzte Abendmahl nachstellen. (© Bernhard Preuss)

Detmold. Sein Chefbüro gibt zwei Aussichten preis: Aus dem Fenster blickt Bernd Conrad auf eine prächtige Kastanie und gegenüber des Schreibtisches auf ebenso prächtige Bauvorhaben. Die Lebenshilfe Detmold baut am Bahnhof neu, wie die Pläne verraten, und ihr Geschäftsführer wird dann dort einziehen.

Conrad, 61, steigt seit 15 Jahren die Treppen des altehrwürdigen, reichlich verwinkelten Gebäudes hinauf. Für ihn ist das kein Problem – aber für Menschen mit Handicap schon. Und Barrierefreiheit sollte doch für so einen großen Verein wie die Lebenshilfe mit 900 von ihr versorgten Menschen mit Behinderung selbstverständlich sein, ist er überzeugt. 2019 hofft er, aus der „Keimzelle" der Lebenshilfe umziehen zu können. Hier in der Freiligrathstraße haben der Marianne-Frostig-Kindergarten und die ersten Werkstätten ihren Ursprung.

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Vier Antworten
1. Ich fühle mich hier sehr wohl, weil ...
ich ganz viele liebe und kompetente Menschen finde, das Arbeitsumfeld ist äußerst spannend.

2. Meine Mittagspause verbringe ich...
mit meinen Kollegen im Kreishaus. Dort betreiben wir die Kantine, und es schmeckt hervorragend.

3. Mich sorgt,....
dass die Bedingungen für unsere Arbeit schlechter werden und immer mehr aufs Geld geguckt wird.

4. Für die Zukunft wünsche ich,...
dass die Gesellschaft sich weiter der Verantwortung stellt, die sie für die Menschen mit Behinderung hat.

Die Neubaupläne spiegeln durchaus die Veränderungen der Lebenshilfe-Arbeit: Nach dem Krieg als Verein vor allem gegründet, um Kindern mit Down-Syndrom zu helfen, werden heute ganz andere Personenkreise begleitet. Ältere Menschen mit Down-Syndrom gab es nach dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung des „unwerten Lebens" ja nicht. Aber es sind nicht nur die Älteren, es sind immer mehr psychisch Erkrankte, Unfallopfer, Autisten und andere, die die Lebenshilfe begleitet. „Die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen wir leben, werden härter", sagt Conrad. Der Druck steige allerorten, das Wörtchen „eigentlich" dominiere: „Eigentlich" müsste ich dieses oder jenes doch schaffen, „eigentlich" bin ich doch gar nicht krank...

Ziel der Lebenshilfe ist es, das Beste für die Menschen mit Behinderungen zu erreichen, damit sich jeder optimal an der Gesellschaft beteiligen kann. Dafür beschäftigt sie 400 Mitarbeiter – die Hälfte Handwerker mit pädagogischen Zusatzqualifikationen in den Werkstätten, die andere Hälfte Pädagogen oder Pflegekräfte. Ohne sie läuft nichts, sagt Conrad: „Als Geschäftsführer habe ich Ideen und Pläne im Kopf, kenne die gesetzlichen Grundlagen. Aber umsetzen müssen es die Mitarbeiter und die Menschen mit Behinderung gemeinsam."

Zeichen für ganz besonders erfolgreiches gemeinsames Handeln ist ein Plexiglas-Pokal in Conrads Regal – er erinnert an die Auszeichnung mit dem Deutschen Design-Preis 2011 für den Wanderstab „Gemse", der in den Lebenshilfe-Werkstätten entwickelt wurde. Conrad ist äußerst stolz, wurden vor sechs Jahren doch bedeutende Mitbewerber mit ordentlichen Etats in der Hinterhand wie Mercedes-Benz und BMW geschlagen. „Die ,Gemse‘ steht für alles, was passiert. In dem Preis ist alles zusammengefasst."

Etwa 200 Wanderstöcke verkauft die Lebenshilfe im Jahr, eine Outdoor-Artikel-Kette ist Kunde. „Wir schulen Verkäufer in ganz Deutschland, immer durch eine Fachkraft und einen Menschen mit Behinderung." Wichtig ist ihm, dass seine Leute „sichtbar" sind, dass es Werkstätten und Wohnheime in städtischem und dörflichem Umfeld gibt – ein Grundgedanke der Lebenshilfe. Jeder Mensch sollte die Hilfe bekommen, die er braucht – nicht mehr, nicht weniger. Eine halbgare, unterfinanzierte Inklusionspolitik ohne die notwendigen Strukturen helfe da niemandem.

Ein Thema begleitet Bernd Conrad, der Germanistik und Philosophie studiert hat, immer: Was zeichnet den Menschen aus, was hebt ihn von der Masse ab? Gepaart mit hohem pädagogischem Interesse – wie kann ich Menschen begleiten und entwickeln? – hat er als Geschäftsführer der Lebenshilfe seinen Traumjob gefunden.

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