"Ich mag das Wort Integration nicht"

Jana Beckmann

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Theaterstück zum Abschluss: Lioba Schulte mit (von links) Natalie Weizel (lila), Olga Teichrib (grün), Elena Belousov (gelb), Helena Günther (rot) und Anna Gottfried (blau). Sie stehen für verschiedene Weltreligionen und proben ein Stück nach einer Tolstoi-Geschichte, in das sie auch eigene Erfahrungen einbringen. - © Bernhard Preuss
Theaterstück zum Abschluss: Lioba Schulte mit (von links) Natalie Weizel (lila), Olga Teichrib (grün), Elena Belousov (gelb), Helena Günther (rot) und Anna Gottfried (blau). Sie stehen für verschiedene Weltreligionen und proben ein Stück nach einer Tolstoi-Geschichte, in das sie auch eigene Erfahrungen einbringen. (© Bernhard Preuss)

Detmold-Hakedahl. Nette Begegnungen und erfolgreiche Projekte, aber auch Trauer und Entsetzen über den Ehrenmord an Arzu Özmen, kriegsähnliche Zustände während des Genozids an Jesiden im Irak und aufkeimende Ängste bezüglich des Flüchtlingszustroms - Lioba Schulte hat als Leiterin des "Haus der Kirche" in Herberhausen viel erlebt. Zum Ende des Monats geht sie in den vorgezogenen Ruhestand. Ein Rückblick.

"Die Ziele, die ich mir gesetzt habe, sind eigentlich erreicht. Ich kann mit einem guten Gefühl gehen", sagt Schulte, die acht Jahre lang in Herberhausen tätig war. Im Kern ging und geht es im "Haus der Kirche" in Trägerschaft der Lutherischen Gemeinde und der Evangelisch-refomierten Kirchengemeinde Detmold-Ost um Gemeinwesenarbeit. Gemeinwesenarbeit in einem Ort, der zu 90 Prozent von Migranten bewohnt wird.

Sozialberatung, Sprachunterricht und interkulturelle Veranstaltungen spielen deshalb eine große Rolle, es gibt aber auch immer wieder Projekte für unterschiedliche Zielgruppen. In besonderer Erinnerung geblieben sind Schulte ein Sportprojekt für junge Männer, die sogar an Wettbewerben teilgenommen haben, und ein Angebot für Frauen, die ihre Familien existenziell absichern und aus Hartz-IV rauskommen wollten. "Es fing an mit traditionellem Kochen, über das dann Schüler versorgt wurden. Dabei verbesserten die Frauen ihre Sprachkenntnisse, erhielten Kontakt zu Einheimischen und lernten Arbeitsabläufe kennen. Und mittlerweile ist daraus ein Verein entstanden, der drei Frauen fest eingestellt hat", berichtet die Einrichtungsleiterin.

Freud und Leid sind aber auch im "Haus der Kirche" nah bei einander. Denn natürlich wird im Tagesalltag darüber gesprochen, was einen bewegt. "2014/15 haben wir hier viele aufgefangen, als es zum Genozid an den Jesiden im Irak kam", berichtet Olga Eikmeier, die ebenfalls für Sozialberatung zuständig ist. Viele Bewohner aus dem Stadtteil hätten damals Handy-Bilder aus der Heimat bekommen. "Über die Bilder hatten wir plötzlich kriegsähnliche Zustände hier. Das war schockierend und traurig - und es war hart, sich emotional abzugrenzen", sagt Schulte.

Ganz ähnlich sei es zuvor auch schon nach dem Ehrenmord an Arzu Özmen gewesen, obwohl niemand im "Haus der Kirche" selbst mit ihr zu tun gehabt hatte. "Die Sache hat viele sehr berührt und auch Ängste ausgelöst", erklärt Eikmeyer.

Und um Ängste sei es auch gegangen, als es 2015 zu dem Flüchtlingszustrom nach Europa kam. Schulte: "Die Spätaussiedler sind schon lange im Stadtteil sesshaft und benötigen eigentlich gar keine Beratung. In dem Moment gab es aber doch Redebedarf. Der Grund war oft die eigene Fluchterfahrung. Da muss man genau hinhören und erklären und somit Ängste abbauen."

Insgesamt, so glaubt Schulte, habe sie die Menschen immer gut erreicht, zumal sie auch Hausbesuche gemacht hat und sich Neues aus dem "Haus der Kirche" schnell herum spreche. "Natürlich erreicht man nicht immer alle. Aber durch die Zusammenarbeit der Einrichtungen hier am Gut und die Sozialraumkonferenzen hat sich in den vergangenen Jahren im Stadtteil einiges verändert", so die Einrichtungsleiterin und verweist zum Beispiel auf die Sauberkeit.

Dennoch: Kann Integration in einem räumlich abgelegenen Ort wie Herberhausen überhaupt gelingen? "Ich mag das Wort Integration nicht", sagt Schulte. "Wir sagen Integration und meinen eigentlich, die anderen müssten sich assimilieren. Wir Einheimischen sollten es nicht besser wissen als die Neuankömmlinge, sondern Neugier auf die Menschen haben und schauen, was wir von ihnen lernen können. Und genauso sollten die Menschen, die kommen, Interesse an Deutschland und an den Gesetzen haben."

Deshalb ist ihr eines ganz wichtig: Dass das "Haus der Kirche" als Stützpunkt erhalten bleibt - für diejenigen, die Probleme haben, Impulse für ihr Leben benötigen oder einfach eine Freizeitbeschäftigung suchen. Idee und Wünsche, so Schulte, sollten gemeinsam mit den Menschen entwickelt werden. Auf diese Weise könnten diese dann auch ihren eigenen Stadtteil gestalten.

Information
Fest der Begegnung

Lioba Schulte geht zwar erst zum Ende des Monats in den vorgezogenen Ruhestand, trotzdem lädt das "Haus der Kirche" schon jetzt zum Fest der Begegnung und Abschied von der Einrichtungsleiterin ein. Es findet am Freitag, 15. September, ab 16 Uhr auf dem Gut Herberhausen statt. Zum 1. Oktober tritt dann eine neue Kollegin ihren Dienst im "Haus der Kirche" an. Derzeit gibt es zwei hauptamtliche Mitarbeiter, zwei Mitarbeiter für die Spielgruppe, einen Hausmeister, eine Reinigungskraft und diverse Honorarkräfte für die Projekte. Lioba Schulte leitet ein Theaterprojekt, das noch bis Jahresende weiterläuft. Danach will sie sich verstärkt der Tanz- und Theaterpädagogik und anderen Interessen widmen.

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