Tatort in der Immelmannstraße - © Vera Gerstendorf-Welle(LZ)

Doppelmord in Detmold
Das wissen wir über die mutmaßliche Tat von Thomas T.

Tatort in der Immelmannstraße (© Vera Gerstendorf-Welle(LZ))

Detmold/Hamburg. Der mutmaßliche Doppelmörder Thomas T. ist am Freitagmorgen in Detmold vernommen worden und sitzt jetzt in der Justizvollzugsanstalt Detmold in Untersuchungshaft. Das teilte die Polizei Bielefeld auf LZ-Anfrage mit. Gegen Thomas T. ist ein Haftbefehl wegen Totschlags und Mordes erlassen worden.

Der Angeklagte soll während der Vernehmung Angaben zu seinem mutmaßlichen Verbrechen gemacht haben, die jetzt von der Mordkommission überprüft werden. Nähere Informationen gab die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen nicht bekannt. Ob es Hinweise auf ein Motiv oder die Tatwaffe gibt, blieb offen. Die Vernehmung soll laut Angaben einer Polizeisprecherin in der nächsten Woche fortgesetzt werden.

Nachbarn und Bekannte haben einen Teddybär und Kerzen niedergelegt. - © Bernhard Preuß
Nachbarn und Bekannte haben einen Teddybär und Kerzen niedergelegt. (© Bernhard Preuß)


Thomas T. wird vorgeworfen, am vergangenen Sonntag, 10. September, eine 24-jährige Frau und ihren sechsjährigen Sohn in einem Mehrfamilienhaus in der Immelmannstraße erstochen zu haben. Die Leichen waren am Montagmorgen in der Wohnung des Angeklagten gefunden worden. Thomas T. wohnte mit den Opfern im selben Haus. Sofort leiteten Polizei und Staatsanwaltschaft eine Großfahndung ein. Die über mehrere Tage andauernde Flucht des mutmaßlichen Doppelmörders hatte am Donnerstag ein Ende.

Das Ende der Flucht

Er saß zur Mittagszeit in Hamburg auf einer Bank: Zielfahnder der Hamburger Polizei haben Thomas T. am Donnerstag in der Helgoländer Allee erkannt und festgenommen. Ganz in der Nähe der Reeperbahn. Er wehrte sich nicht. Damit war die Taktik von Polizei und Staatsanwaltschaft erfolgreich.

Es war ein ungewöhnlicher Schritt der Ermittlungsbehörden, nur wenige Stunden nach Auffinden der Leichen am Montag mit Foto und Namen des Verdächtigen an die Öffentlichkeit zu gehen. „Wir haben uns für diese Offensive entschieden, um Druck auf den Gesuchten auszuüben", erklärte Oberstaatsanwalt Christopher Imig.

Die Festnahme

Wie die Ermittler auf die Hamburger Spur gekommen sind, wollte Christopher Imig aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen. Die Sonderkommission sei davon ausgegangen, dass T. wegen seiner finanziellen Verhältnisse nicht weit hatte kommen können, dann habe es Hinweise auf die Hansestadt gegeben. Daraufhin seien die Kollegen mit Fotos versorgt worden. T. habe sich „ohne großes Theater" in der Nähe der Reeperbahn festnehmen lassen.

Spurensicherung vor dem Tatort - © Vera Gerstendorf-Welle(LZ)
Spurensicherung vor dem Tatort (© Vera Gerstendorf-Welle(LZ))


Die Anklage

Gegen den Mann liegt ein Haftbefehl wegen Totschlags an der Frau und Mordes an ihrem sechs Jahre alten Kind vor. „Wir gehen davon aus, dass der Täter das Kind umgebracht hat, um die Tötung der Frau zu vertuschen", erklärte Oberstaatsanwalt Christopher Imig. Damit wäre ein Mordmerkmal erfüllt.

Die Opfer

Bei den Opfern handelt es sich um eine 24-jährige, türkischstämmige Bulgarin und ihren sechsjährigen Sohn. Der damalige Lebensgefährte und Vater des Kindes hatte die beiden Ende 2016 aus Bulgarien nach Deutschland geholt. Mutter und Kind wohnten seit knapp vier Wochen in dem Mehrfamilienhaus in der Immelmannstraße.

Laut Oberstaatsanwalt Christopher Imig war der gerade erst eingeschulte Junge im Unterricht vermisst worden. Auch die Mutter war nicht, wie geplant, am Morgen zu ihrem 450-Euro-Job erschienen. Der Arbeitgeber - ein Online-Möbelhändler, versuchte seine Mitarbeiterin im Laufe des Tages vergeblich zu kontaktieren. Zu ihrem Arbeitgeber hatte die junge Mutter ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis. Sie kümmerten sich um die Alleinerziehende und ihren sechs Jahre alten Sohn, nachdem sich die junge Mutter kurz zuvor von ihrem brutalen Ehemann getrennt haben soll. Der Bruder des Arbeitsgebers und eine weitere Person alarmierten dann die Polizei. Die fand beide Leichen nach langer Suche durch Blutspuren im Treppenhaus in der Wohnung des Verdächtigen.

In diesem Haus in der Immelmannstraße sollen die 24-Jährige und ihr sechsjähriegr Sohn erstochen worden sein. - © Bernhard Preuß
In diesem Haus in der Immelmannstraße sollen die 24-Jährige und ihr sechsjähriegr Sohn erstochen worden sein. (© Bernhard Preuß)


Die Tragik

Thomas T. ist im Jahr 2005 schon einmal wegen versuchten Mordes und schwerer Vergewaltigung verurteilt worden. Die Tat von damals ähnelt dem aktuellen Verbrechen in Detmold. Auch damals richtete sich die Gewalt gegen eine Frau aus seinem unmittelbaren Umfeld. Beide sollen laut damaligen Berichten einen sporadischen Kontakt gepflegt haben.

Nach einem Videoabend in Ts. Wohnung sei der damals 40-Jährige gegenüber seiner Nachbarin (24) zudringlich geworden. Als die Frau sich wehrte, stieß Thomas T. ihr ein Messer in Bauch, Rücken und Brust. Mit 20 Messerstichen verletzte er das Opfer lebensgefährlich - wurde in der Verhandlung damals bekannt. Die Frau konnte sich dennoch in einem günstigen Moment befreien. Sie schleppte sich zu einem Nachbarn und alarmierte Notarzt und Polizei. Thomas T. wurde am nächsten Tag festgenommen. Er legte ein Geständnis ab.

Eine 16-köpfige Mordkommission ermittelt. - © Vera Gerstendorf-Welle(LZ)
Eine 16-köpfige Mordkommission ermittelt. (© Vera Gerstendorf-Welle(LZ))


Das Gericht verurteilte den Täter damals zu acht Jahren Haft. Angesichts der Brutaliät der Tat hätte das Urteil auch "lebenslänglich" ausfallen können. Urteil und Plädoyer der Staatsanwaltschaft berücksichtigten damals jedoch die Möglichkeit einer verminderten Schuldfähigkeit. Die zuständigen Psychologen stellten bei Thomas T. einen Intelligenzquotienten (IQ) von 61 fest. Im Gerichtssaal fielen Begriffe wie "Debilität" und "Schwachsinn", als die Experten über Ts. Geisteszustand urteilten.

Sechs Jahre saß Thomas T. im Gefängnis. Danach kam er durch ein psychologisches Gutachten wieder auf freien Fuß. Laut Oberstaatsanwalt Christopher Imig wäre eine Sicherheitsverwahrung damals nur möglich gewesen, hätte man Thomas T. eindeutig attestieren können, dass er gefährlich ist. Dies sei im Nachhinein immer leicht zu fordern. Unwahrscheinlich sei laut Staatsanwaltschaft, dass Thomas T. nach einem erneuten Schuldspruch wieder freigelassen wird.

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von Janet König, Erol Kamisli und Martin Hostert

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