Detmolder Bürger wollen Tempo 30 zur Geräuschreduzierung

Nadine Uphoff

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Wolfgang Ruhmann (vorne) wünscht sich einen längeren Tempo-30-Abschnitt an der Friedrich-Ebert-Straße, als im Entwurf vorgesehen. Im Hintergrund hören Bernd Zimmermann und Annette Mischke-Gees (rechts) von der Stadt Detmold zu. - © Nadine Uphoff
Wolfgang Ruhmann (vorne) wünscht sich einen längeren Tempo-30-Abschnitt an der Friedrich-Ebert-Straße, als im Entwurf vorgesehen. Im Hintergrund hören Bernd Zimmermann und Annette Mischke-Gees (rechts) von der Stadt Detmold zu. (© Nadine Uphoff)

Detmold. Nur etwa 30 Bürger sind zur Informationsveranstaltung über den Lärmaktionsplan der Stadt Detmold gekommen. Bernd Zimmermann, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung, hatte sich mehr Beteiligung erhofft.

Bürger und Politiker tauschten sich über den Entwurf der Verwaltung aus, Tempolimits in der Innenstadt einzurichten (die LZ berichtete mehrfach). Denn die Stadt ist wegen der EG-Umgebungslärmrichtlinie dazu gezwungen, krankmachenden Lärm für Anwohner zu mindern.

Annette Mischke-Gees, zuständig für den Lärmschutz bei der Stadt, erklärte das Vorgehen am Beispiel Lagesche Straße. Betroffen ist der Bereich zwischen Orbker Straße und Nordstraße. Aktuell sind hier tagsüber Tempo 70 und nachts Tempo 50 erlaubt. Doch für 63 Anwohner sind die Lärmpegel am Tag und sogar für 115 Menschen in der Nacht zu hoch. Die Stadt hat verschiedene Maßnahmen zur Senkung des Geräuschpegels geprüft. Eine alternative Trasse ist an dieser Stelle nicht möglich. Für eine Lärmschutzwand gibt es zu viele Einfahrten, und eine Fahrbahnsanierung wäre nicht nur teuer, sondern „niemand würde einen intakten Belag erneuern", meint Zimmermann.

So sieht es bei allen betroffenen Straßen aus. Als Lösung für das Lärmproblem bleibt aus Sicht der Stadt nur eine Reduzierung der Geschwindigkeit. Auf der Lageschen Straße sollen laut dem Entwurf tags und nachts durchgängig nur noch 50 km/h erlaubt sein. Dann wäre es laut Messungen aber immer noch für 49 Anwohner in der Nacht zu laut. Diese müssten Lärmschutzfenster einbauen und könnten dafür einen 75-prozentigen Zuschuss beim Landesbetrieb Straßen.NRW beantragen.

Michael Kloppenburg aus Jerxen-Orbke kritisierte daraufhin, dass das geplante Gewerbegebiet Balbrede an der Lageschen Straße, welches mehr Verkehr und dadurch auch Lärm verursachen werde, nicht im Lärmaktionsplan berücksichtigt worden sei. Mischke-Gees entgegnete, dass der Plan kein starres Instrumentarium sei, sondern alle fünf Jahre überprüft und fortgeschrieben werde.

Als nächstes ging es um den Abschnitt der Friedrich-Ebert-Straße zwischen Birkenallee und Im Kampe, der tagsüber für 17 Anwohner zu laut ist. Dieser soll durchgängig auf Tempo 30 reduziert werden. Wolfgang Ruhmann wünscht sich, dass der Bereich über Im Kampe hinausgeht und hat dazu in der Vergangenheit auch Unterschriften gesammelt. Michael Henschel ist da ganz anderer Meinung: „Es kann doch nicht Ihr Ernst sein, dass 17 belastete Menschen über die Interessen tausender Autofahrer gestellt werden."

Zimmermann meint: „Es geht nicht darum, zwei oder drei Minuten schneller zu sein. Der Gesundheitsschutz hat Vorrang." Die Stadt ist ohnehin an die Umsetzung des Lärmaktionsplanes gebunden. Die Frage ist nur, wie die Lärmreduzierung erreicht wird. Gegen Deutschland läuft ein Vertragsverletzungsverfahren, weil immer noch viele Kommunen die 15 Jahre alte EU-Richtlinie nicht umsetzen. Eine mögliche Strafe könnte an die Kreise weitergegeben werden, erklärt Ingenieur Eckhart Heinrichs, Mitautor des Buches vom Umweltbundesamt, „Wirkungen von Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen".

Zwei Bürger regten an, Tempo 70 auf der Lemgoer Straße zwischen Detmold und Klüt zu reduzieren. Dr. Helmut Adelhofer war extra aus Mainz angereist. Sein Elternhaus steht an der Kreuzung Paulinen-/Wotanstraße. „Der Lärmaktionsplan ist zu kurz gefasst. An der Kreuzung geht es wie am Piccadilly Circus zu, und trotzdem wird nichts gemacht, weil es sich um eine Gemeindestraße handelt", sagt Adelhofer empört. Gerhard Nagel ist leidenschaftlicher Fahrradfahrer und spricht sich in der Versammlung für ein flächendeckendes Tempo 30 in Detmold aus.

Kraftfahrzeugingenieur Manfred Wagner ist auf der Suche nach einer alternativen Lösung bei den Autobauern gelandet: „Ich bin der Meinung, wir könnten fahrzeugtechnisch viel leiser sein. Auch Reifen machen da viel aus." Helmut Krüger findet den Plan sehr gut: „Wenn man selbst von Lärm betroffen ist, wünscht man sich nichts anderes."

„Langsames Fahren verursacht keinen Stau"

Die Industrie- und Handelskammer Detmold (IHK) hat die geplanten Tempolimits kritisiert. Auch 231 Detmolder Unternehmen lehnten laut einer Umfrage der IHK Geschwindigkeitsbeschränkungen ab. Die Sorge: Das gedrosselte Tempo führe zu Staus, so die Befürchtung.

Dr. Eckhart Heinrichs ist Geschäftsführer des Verkehrsplanungsbüros LK Argus. Er hat schon viele Lärmaktionspläne begleitet und kann anhand von Wirkungsanalysen sagen: „Tempo 30 ist zwar kein pauschales Allheilmittel, und Autofahrer brauchen lange, um sich daran zu gewöhnen, aber es wirkt gegen den Lärm und verursacht keinen Stau."
Die Leistungsfähigkeit von Hauptverkehrsstraßen hänge laut Heinrichs davon ab, wie lang die Grünphase an einer Ampelkreuzung sei und wie viele Fahrzeuge dabei durchkämen. Da aber der zeitliche Abstand der Autos bei 30 und 50 km/h gleich sei, entstehe nicht mehr stockender Verkehr als sonst auch.

Nachteile von Tempolimits sieht Heinrichs beim ÖPNV, dessen Taktung durcheinander geraten würde. Den Zeitverlust bei einer Geschwindigkeitsreduzierung von 50 auf 30 km/h beziffert Heinrichs auf bis zu zwei Sekunden pro hundert Meter. Für Tempo 30 müsse weiterhin eine Grüne Welle gegeben sein. Die gebe es bereits auf der Paulinenstraße, stellte Uwe Rosemeier vom Tiefbauamt der Stadt Detmold heraus. Es sollte darauf geachtet werden, dass Autofahrer nicht auf andere Straßen auswichen, um schneller unterwegs zu sein, sagt Heinrichs. Baden-Württemberg und Berlin hätten mit 30 km/h gute Erfahrungen gemacht.

Eine Alternative zur Lärmminderung könnten auch spezielle Fahrbahnoberflächen sein. Diese reduzierten die Lautstärke um zwei bis fünf Dezibel – das entspreche einer Halbierung der Verkehrsmenge. Neuer Asphalt ergebe wegen der hohen Kosten aber nur Sinn, falls eh eine Erneuerung anstehe.

Flüsterasphalt wie er auf Autobahnen verwendet werde, eigne sich aber beispielsweise nicht für Innenstädte. Er sei grobporiger und würde sich bei niedrigen Geschwindigkeiten zusetzen. Der Effekt wäre dann weg, erläutert Heinrichs. Auch Kreisverkehre seien tendenziell leiser, aber nur etwa ein Dezibel. Außerdem seien sie nur sinnvoll, wenn alle Spuren gleich stark befahren würden.

Eckhart Heinrichs betonte aber, wie wichtig diese Maßnahmen seien: „Wer an einer lauten Straße wohnt, dem kann es passieren, dass er nachts nicht in die Tiefschlafphase eindringt, nicht träumt und das Gehirn so keine Zeit hat, sich zu regenerieren. Das macht auf Dauer krank."

Information
Bürger haben noch bis zum 13. Oktober Zeit, Eingaben zu machen.

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