Hermann wird zur leuchtenden Popfigur

Nach dem Varusjahr: Journalist Christian Pantle bemerkt entspannteren Umgang mit den Germanen

Ein strahlender Held: Das Hermannsdenkmal im Licht der Laser-Show zum Jahreswechsel 2008/2009. "Hermann ist als Popfigur auf die Erde geholt worden", sagt Dr. Christian Pantle. Foto: Archiv Engelhardt
Ein strahlender Held: Das Hermannsdenkmal im Licht der Laser-Show zum Jahreswechsel 2008/2009. "Hermann ist als Popfigur auf die Erde geholt worden", sagt Dr. Christian Pantle. Foto: Archiv Engelhardt

Detmold. Wie ist das Varus-Jahr aufgenommen worden? Dr. Christian Pantle, "Focus"-Redakteur aus München und Buchautor, hat es aufmerksam verfolgt. Im LZ-Gespräch zieht er seine persönliche Bilanz.Welche Spuren hinterlässt das Varus-Jahr?


Dr. Christian Pantle: Es gibt ein größeres Interesse an den Germanen als vorher, das Thema hat ein Comeback erlebt. Aber auch das Wissen ist gewachsen. Es wird weniger schwarz-weiß gemalt, man geht aufgeklärter und lockerer mit der Thematik um, auch wenn wir noch längst nicht so ein entspanntes Verhältnis zu dieser Geschichte haben wie die Franzosen zu den Galliern – siehe Asterix. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.


Sie glauben nicht, dass mit dem Comeback eine neue Germanentümelei ausgelöst wird?


Pantle: Nein. Wissenschaft und Tourismus haben das Thema für sich eingenommen. Es gibt sogar einen Comic mit Arminius als Helden, es gibt den Zwermann. Hermann ist als Popfigur auf die Erde geholt worden. Das zeigt einen entspannteren Umgang mit ihm.


Wie bewerten Sie das?



Pantle: Hermann zu kommerzialisieren ist der beste Schutz vor Missbrauch. Ein Effekt des Jahres 2009 ist sicherlich, dass das Monopol der Rechten auf diese Thematik vorbei ist. Die Rechtsextremen hatten auch 2009 nicht allzu viel zu melden. Ich habe den Eindruck, die Deutschen betrachten diese Geschichte aus der Warte eines leicht amüsierten Beobachters. Man fühlt sich nicht mehr innerlich damit verbunden, anders als noch vor 100 Jahren.


Wie beurteilen Sie die Ausstellungen?


Pantle: Sie haben nicht ganz die Besucherzahlen erreicht, die man sich vorgestellt hatte, aber sie haben einen erstaunlichen Medien-Hype ausgelöst: Etwa 25 000 Artikel und 100 Fernsehsendungen sind erschienen. Die Ausstellungen waren herausragend, aber andere ziehen noch mehr Menschen an. Ihre Wirkung ist eher regional geblieben.


Was ist Ihnen an den Ausstellungen selbst in Erinnerung geblieben?


Pantle: Die Eröffnung in Detmold. Sie war sehr gut, auch die Reden von politischer Seite. Interessanterweise haben die Redner sogar die Diskussionen um den Schlachtort miteingebaut. Die Ausstellungen waren alle sehr gut konzipiert, in Detmold hat mir besonders der Teil über die Germanen aus römischer Sicht gefallen. Aber zu merken war überall, dass man immer noch Probleme mit dem Thema hat. Es wurde sehr auf political correctness geachtet.



Taugt Arminius / Hermann zu einem Sinnbild für Frieden und Völkerverständigung, wie es versucht wurde?


Pantle: Nein. Das war eher ein verkrampfter Versuch, Hermann auf die politisch korrekte Ebene zu ziehen. Hermann ist eine interessante Figur, die Geschichte ein Lehrstück für die Überdehnung von Imperien. Und das ist hochaktuell, wenn man an Irak oder Afghanistan denkt. Die Varusschlacht ist das erste fassbare Ereignis der deutschen Geschichte, wenn man so will. Das rechtfertigt eine wissenschaftliche Betrachtung, eine wirtschaftliche Nutzung. Auch für Frieden und Völkerverständigung zu werben, ist ehrenhaft. Aber den Kriegsherrn Hermann zu einem Friedensbotschafter umzufunktionieren, ist übertrieben.



Was meinen Sie, wird dem Thema die Aufmerksamkeit des vergangenen Jahres erhalten bleiben?



Pantle: Sie wird jetzt wieder deutlich abnehmen, aber auf einem höheren Niveau bleiben als vor 2009. Hermann wird vom Mythos zu einer Marke werden. Wenn der Streit um den Schlachtort bleibt, wird das allen weiterhelfen, denn dann bleibt das Thema interessant. Streit belebt das Geschäft und ist ein Glücksfall für das Marketing.

Information

Persönlich


Dr. Christian Pantle wurde 1970 in München geboren und dort zum Doktor der Humanbiologie promoviert. Er arbeitete journalistisch für die Süddeutsche Zeitung, die Augsburger Allgemeine und den Berliner Tagesspiegel, seit 2000 ist er Wissenschaftsredakteur im Ressort Forschung und Technik des Magazins Focus. Pantle hat das Buch "Die Varusschlacht – der germanische Freiheitskrieg" geschrieben (Propyläen Verlag, 320 Seiten, 16,90 Euro). Auszüge hat die LZ in ihrem Magazin "Die Varusschlacht – auf den Spuren eines Mythos" (Mai 2009) veröffentlicht.

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