Jesiden kritisieren "politisches Urteil"

Religionsgemeinschaft wehrt sich gegen Generalverdacht: Arzu Özmens Tod war nicht geplant

Von Erol Kamisli

Jesiden kritisieren "politisches Urteil" - © Detmold
Jesiden kritisieren "politisches Urteil" (© Detmold)

Detmold. Eine Tochter ermordet, fünf Kinder samt Vater im Gefängnis. Der Mutter droht eine Haftstrafe - so lautet die traurige Bilanz der Familie Özmen. Und alles nur, weil sich eine Teenagerin in einen Deutschen verliebt hatte.

"Es ist sehr tragisch", sagt ein jesidischer Geistlicher, der seinen Namen nicht nennen möchte. Die Familie Özmen sei Vorbild für andere Jesiden gewesen und nun sei alles kaputt. Dafür sei auch Fendi Özmen verantwortlich. "Er muss sich die Frage gefallen lassen, ob er durch sein Verhalten nicht die gesamte Familie auf dem Gewissen hat", sagt der Geistliche. Trotz allem glaube er nicht, dass der Tod Arzu Özmens geplant gewesen sei. "Ich denke, dass es ein tragischer Unfall war." Sein Mitgefühl gelte nicht nur Arzu, sondern auch den Familienmitgliedern, die in Freiheit seien und mit der Situation leben müssten. Inzwischen seien die Brüder des inhaftierten Fendi Özmen und dessen Eltern ins Haus der Özmens nach Remmighausen gezogen.

Sieht keine Mitschuld Fendi Özmens: Ferhat Akman ist seit vielen Jahren ein Freund der Familie Özmen. Im LZ-Gespräch zeigt er sich sicher: "Der Tod Arzus war ein tragischer Unfall." - © Foto: Preuss
Sieht keine Mitschuld Fendi Özmens: Ferhat Akman ist seit vielen Jahren ein Freund der Familie Özmen. Im LZ-Gespräch zeigt er sich sicher: "Der Tod Arzus war ein tragischer Unfall." (© Foto: Preuss)

Solidarität mit allen Özmens fordert auch Ferhat Akman aus Lage. "In der jesidischen Gemeinde wird vor allem das Urteil gegen Fendi Özmen und der Umgang nach dem Urteil heftig kritisiert", sagt Kommunikationstrainer Akman. Viele, vor allem Jugendliche, seien der Meinung, dass das Landgericht ein politisches Urteil getroffen hat. "Durch dieses Urteil ziehen sich die Jesiden weiter zurück, weil sie glauben, dass ihre Religion in den Dreck gezogen wird", so Akman.

Kein Unfall rechtfertige solch’ eine Vorverurteilung. Unfall? "Ja, der Tod von Arzu Özmen war ein tragischer Unfall. Niemand in der jesidischen Gemeinschaft glaubt an einen Mord", so Akman. Er schließe sich dieser Meinung an.

Seit dem Tod von Arzu Özmen stünden alle Jesiden unter Generalverdacht. "Wir wehren uns dagegen, dass unsere Religion als eine ‚finstere Sekte‘ angesehen wird", sagt der sechsfache Vater. Seine Tochter verschweige inzwischen gegenüber Freunden, dass sie Jesidin sei. Auch in der Schuldfrage von Fendi Özmen hätten viele Jesiden eine klare Haltung: "Er hatte keinen Einfluss auf die Kinder", sagt Akman. Viele haben daher auch einen Freispruch erwartet, da es keinen Beweis für eine Mitschuld des 53-Jährigen gebe.

Und wenn Professor Jan Kizilhan in einem LZ-Interview sage, dass die Familie Özmen nun alleine sei und sich keiner mehr mit ihr zeigen wolle, dann habe er absolut keine Ahnung von der jesidischen Kultur. "Wir stehen, vor allem in schwierigen Zeiten, zusammen", ist sich Akman sicher.

Dieser Meinung ist auch Remsi Yalcin, Jeside und Anwalt aus Detmold. "Die Familie braucht unsere Hilfe, da das Familienoberhaupt nicht mehr da ist." Fendi Özmen sei ohne Tasche oder Zahnbürste zur Urteilsverkündung ins Landgericht gekommen und dann in Handschellen abgeführt worden. "Angeblich wegen Fluchtgefahr", kritisiert Yalcin. Diese Argumentation sei allerdings unglaubwürdig. Der 53-Jährige sei jeden Tag zur Verhandlung erschienen und habe im Vorfeld keine Anzeichen gemacht, das Land zu verlassen. "Wenn er hätte fliehen wollen, wäre er geflohen", glaubt Remsi Yalcin.

Fendi Özmen sei öffentlich gedemütigt worden und dies sei ein schlechter Tag für das Landgericht gewesen. Die Öffentlichkeit mache es sich zu einfach, wenn sie das Bild eines brutalen Patriarchen zeichne, der seine Kinder nach seinem Willen tanzen und einen Mord begehen lässt.

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