Sommertheater: Gier und Egoismus überdauern Jahrhunderte

Tschechows "Der Bär" und "Der Heiratsantrag" werden gefeiert

Von Andreas Beckschäfer

Menschliche Makel: (von links) der gebürtige Detmolder Jan-Urs Hartmann, Wolf Nachbauer und Swetlana Kimmel. - © Foto: Beckschäfer
Menschliche Makel: (von links) der gebürtige Detmolder Jan-Urs Hartmann, Wolf Nachbauer und Swetlana Kimmel. (© Foto: Beckschäfer)

Detmold. Von menschlichen Makeln erzählen Anton Tschechows "Der Bär" und "Der Heiratsantrag". Das Berliner Unternehmen "Grace Entertainment" hat die zwei Einakter im Sommertheater gezeigt. 

Zweifel, Hoffnung, Niedertracht, Verlogenheit: Für Anton Pawlowitsch Tschechow waren diese treuen Begleiter des menschlichen Seins Pinselstriche gleichen Wertes, mit denen er seine Figuren zeichnete. Entsprechend zerrissen wirken die Werke des russischen Schriftstellers: Es gibt in seinen Stücken die Rolle des Bösen nicht. Vielleicht sind alle böse. Es gibt auch die Rolle des Guten nicht. Möglicherweise sind alle irgendwie gut. Regisseur Frank Zimmermann setzt dieser Vielschichtigkeit eine sehr schlichte Inszenierung entgegen, die allein den Worten Raum verschafft und keinen eigenen Duktus erkennen lässt. Eine kluge Entscheidung.

Denn Tschechow malt mit der Sprache Bilder, die ganz und gar erschöpfende Aussagen treffen. Wenn etwa Jan-Urs Hartmann im Stück "Der Bär" in der Rolle des ungehobelten Händlers Grigori Stepanowitsch Smirnow jammernd über die Bühne läuft und feststellt, aufrichtig, beständig und treu seien nur die alten und hässlichen Frauen, ist das entlarvend. Nicht für Smirnow, sondern für den Menschen an sich: Verlockende Schönheit wird zur Untugend erklärt, zum Sinnbild der Täuschung. Was bleibt, sind Misstrauen und Zweifel.

Was es bedeutet, dass in der Schlussszene des Einakters der Händler die Liebe des jungen, schönen Weibes (Swetlana Kimmel) gewinnt, macht jeder Zuschauer mit sich selbst aus: Verheißt dieses vermeintliche Glück Hoffnung? Oder ist es doch nicht mehr als ein Ausdruck davon, allzu menschlichen Schwächen erlegen zu sein?

Das Bühnenbild (Roswitha König) zeigt das Innere eines Landgutes, irgendwo in der russischen Provinz. Dass dieser Hintergrund in beiden Stücke nahezu unverändert bleibt, stützt den Eindruck, dass Ort und Sujet fast bedeutungslos sind: Die Dialoge sind zeitlos, die Handlungen könnten ohne größere Anpassungen ins Hier und Jetzt übertragen werden. Konventionen mögen sich geringfügig verändert haben, doch menschliche Eigenschaften wie Gier und Egoismus haben die Zeit überdauert.

Dass die Geschichten, deren Konstellationen eher tragisch sind, dennoch immer wieder zum Lächeln ermuntern, ist fast ein wenig bedenklich. Denn es ist die ungeschminkte Sicht auf die Realität, die da zum Lachen verleitet. Das Ensemble, zu dem neben den zwei genannten Darstellern noch Wolf Nachbauer zählt, bringt diese in zurückgenommener Spielweise auf die Bühne. Auch hier gilt: Alle Macht der Wirkung der Worte, der eine Überzeichnung abträglich gewesen wäre. Für die starke Leistung der Schauspieler und die sehr schlüssige, gradlinige Inszenierung gibt es großen Beifall.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.