Mehr Respekt für psychisch Kranke

Dr. Hermann Paulus, langjähriger Leiter der Oberbergklinik Weserbergland, hört aus Altersgründen auf. Die Patienten hätten den gleichen Respekt verdient wie Menschen mit physischen Verletzungen, sagt er

Mathias Vehrkamp

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Mit dem Gründervater: Dr. Hermann J. Paulus mit einer Abbildung von Sigmund Freud, dem Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie. "Seine Lehren haben unverändert Gültigkeit." - © Mathias Vehrkamp
Mit dem Gründervater: Dr. Hermann J. Paulus mit einer Abbildung von Sigmund Freud, dem Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie. "Seine Lehren haben unverändert Gültigkeit." (© Mathias Vehrkamp)

Extertal-Bösingfeld. Zwölf Jahre lang hat Dr. Hermann Paulus an der Spitze der Oberbergklinik Weserbergland in Laßbruch gestanden, hat maßgeblich daran mitgewirkt, dass die private Einrichtung für Menschen mit Sucht- und Depressionserkrankungen heute gefragt und etabliert ist.

Jetzt hat er aus Altersgründen Abschied von dem Haus genommen.
Allerdings nur das operative Geschäft betreffend, wie er sagt. Im LZ-Interview verrät Paulus mehr – und zieht vor allem eine rundum positive Bilanz seiner Tätigkeit.

Herr Dr. Paulus, ist Ihnen der Abschied von der Oberbergklinik Weserbergland schwer gefallen? Vermissen Sie gar bereits nach wenigen Wochen etwas?
Dr. Hermann Paulus: Auf gar keinen Fall. Ich bereue meine Entscheidung überhaupt nicht. Es ist genau der richtige Zeitpunkt gewesen: Schließlich soll man doch dann aufhören, wenn es am schönsten ist, die Dinge gut geordnet sind und bestens laufen. Außerdem bin ich als Senior Medical Director weiter für die Oberbergkliniken tätig und bringe meinen großen Erfahrungsschatz gerne ein.

Sie sehen die Klinik demnach in guter Verfassung und mit positiver Perspektive ausgestattet?
Paulus: Das tue ich rundum. Seit ich am 1. Februar 2004 die Leitung übernommen hatte, hat unser Haus eine in der Tat sehr positive Entwicklung genommen. Ich erinnere nur an das Neubauprojekt der Jahre 2008 und 2009. Wir haben aus der alten, seit 1991 existierenden Klinik, dem ehemaligen Internat Jäger, eine moderne, repräsentative und vor allem menschenfreundliche Klinik gemacht.

Was war für Sie im Umgang mit den Patienten besonders wichtig?
Paulus: Ich habe mich stets dafür eingesetzt, dass Menschen mit psychischen oder suchtmäßigen Problemen gesellschaftlich nicht stigmatisiert und abgewertet werden. Ich habe immer großen Wert darauf gelegt, das Selbstbewusstsein der Patienten zu fördern und zu stärken. Man hat es schließlich – genau wie bei physischen Verletzungen und Wunden – mit handfesten Krankheitsbildern zu tun. Die Betroffenen haben den gleichen Respekt und das gleiche Mitgefühl verdient wie beispielsweise jemand, der herzkrank ist.

Sind die Erfolgserlebnisse nicht gerade in Ihrem Arbeitsbereich vergleichsweise begrenzt und nur schwer messbar?
Paulus: Das Gegenteil ist der Fall. Einen Herzinfarkt kann man nicht heilen, eine Depression dagegen sehr wohl. Und einen solchen Heilungsprozess mitgestalten und -erleben zu können – das macht den eigentlichen Reiz und die hohe Befriedigung meines Berufes aus.

Würden Sie als junger Mensch diesen beruflichen Weg erneut einschlagen? Und was ist Voraussetzung dafür, ein guter Psychiater und Psychotherapeut zu werden?

Paulus: Ich würde alles genauso wieder machen. Für mich war es der richtige Weg. Jungen Leuten, die sich fragen, ob sie für den Bereich geeignet sind, sage ich: Unabdingbar ist vor allem, dass man Menschen wirklich und ehrlich mag und sich für ihre Schicksale interessiert.

Was läuft aus Ihrer Sicht als Psychiater in unserer Gesellschaft nicht gut? Gibt es verbreitete Irrwege oder Sackgassen?
Paulus: Da fallen mir spontan zwei Dinge ein: die übertriebene Ökonomisierung vieler Lebensbereiche und die nach wie vor vielfach propagierte materielle Wachstumsideologie. Kein Wachstum kann unendlich sein – irgendwann kommt es zum großen Knall und zum bösen Erwachen.


Und welche Lebensbereiche sind Ihrer Meinung nach zu sehr vom ökonomischen Prinzip beherrscht?

Paulus: Der Gesundheitsbereich. Ich nehme nur mal mein fachliches Feld, die Psychiatrie. Mit großer Sorge beobachte ich, dass selbst dort zunehmend ein Entgeltsystem um sich greift. Erst wenn bestimmte Budgets – zeitlich und finanziell – eingehalten und unterschritten werden, ist es für die Behandler profitabel. Doch das sind ungute Leitlinien für den Umgang mit psychisch kranken Menschen.

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