Terror belastet die Psyche: Facharzt Christoph Middendorf rät zur Therapie

Alexandra Schaller

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Facharzt: Christoph Middendorf. - © Oberbergkliniken/ Die Hoffotografen GmbH
Facharzt: Christoph Middendorf. (© Oberbergkliniken/ Die Hoffotografen GmbH)

Extertal-Laßbruch. Paris, Brüssel, Nizza oder erst Mitte Dezember in Berlin: Immer wieder hat es in den vergangenen Monaten Schockmomente durch Terroranschläge gegeben. Verletzte, Helfer und Zeugen, die solche Extremsituationen miterlebt haben, sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen, weiß Christoph Middendorf, Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und medizinischer Geschäftsführer der Oberbergklinik Laßbruch.

Beim Versuch, das Erlebte zu verarbeiten, sei jedoch keinesfalls das Ziel, dass Erinnerungen völlig verschwinden. „Es geht nicht um ein Vergessen, sondern darum, dass Betroffene lernen, mit dem Erlebten umzugehen", erklärt der Experte laut einer Pressemitteilung.

Grundsätzlich verfügten Menschen über erstaunliche Selbstheilungskräfte, die ihnen helfen, mit traumatischen Erfahrungen umzugehen. Bei zu intensiven Erlebnissen, die mit potenzieller Bedrohung einhergehen, könne ein Trauma jedoch längerfristige psychische Folgen haben, so Middendorf.

Wie sehr das Erlebte der Psyche schade, sei unterschiedlich. Vor allem ein stabiles soziales Umfeld gebe Unterstützung. „Oft hilft schon das Gefühl, nicht allein zu sein und mit vertrauten Personen sprechen zu können." Wer eine Extremsituation durchleben musste, sollte sich Zeit geben, um die Erinnerung zu verarbeiten, rät der Arzt.

Direkt nach einem traumatischen Erlebnis trete bei vielen Betroffenen eine sogenannte akute Belastungsreaktion auf, heißt es in einer Mitteilung. Symptome dafür könnten Herzrasen, Übelkeit, Kopfdruck, aber auch Unruhe oder Gereiztheit sein, erklärt Middendorf. Hinzu könnten akute Belastungsstörungen kommen. „Betroffene distanzieren sich innerlich vom traumatischen Ereignis, sie sind scheinbar abwesend, desorientiert oder können nicht mehr sprechen. Akut treten auch vollständige Erinnerungslücken auf. Die sogenannte Dissoziation verschwindet aber in der Regel nach Stunden oder Tagen wieder."

Eine professionelle Erstversorgung der Betroffenen direkt im Anschluss an ein traumatisches Erlebnis sei in jedem Fall sinnvoll. Im Rahmen der Krisenintervention sollten Ärzte und Therapeuten behutsam auf die individuellen Verarbeitungsbedürfnisse der Traumatisierten eingehen, heißt es. Bei manchen Betroffenen sei es ratsam, dass sich eine psychotherapeutische Beratung und Behandlung anschließe. Dadurch steige die Chance, dass akute Belastungsreaktionen schneller wieder abklängen.

Gelingt es dem Betroffenen nicht, die erlittene seelische Verletzung auf Dauer zu verarbeiten, könne es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) kommen. Die Symptome hierfür sind laut Middendorf Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche oder Emotionslosigkeit.

Dann könnten professionelle Traumatherapien helfen. Dabei werden Stabilisierungstechniken vermittelt, Ängste gemindert und eine heilsame Selbstreflexion ermöglicht. „Menschen, die an einer PTBS leiden, können sich so ihren traumatischen Erfahrungen aktiv stellen und zurück in den Alltag finden", erläutert Middendorf.

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