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Meyra kämpft um einen Neuanfang

Rollstuhlhersteller stellt Insolvenzantrag – Geschäftsführung und IG Metall warnen vor Panikmache

Meyra stellt

Insolvenzantrag - © Kalletal
Meyra stellt
Insolvenzantrag (© Kalletal)

Kalletal-Kalldorf. Die Nachricht hat sich am Dienstag wie ein Lauffeuer über die Grenzen Kalletals hinaus verbreitet. Die Meyra-Gruppe, weltbekannter Hersteller von Rollstühlen und Rehabilitationsmitteln, befindet sich in großen Schwierigkeiten.

Sowohl die Leitung des Familienunternehmens als auch die Industriegewerkschaft (IG) Metall zeigten sich am Abend in ersten Stellungnahmen bemüht, keine Panik aufkommen zu lassen. Ziel des beim Amtsgericht Detmold eingereichten Eigenantrags auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens sei es, "einen Neuanfang einzuleiten", betont Geschäftsführender Gesellschafter Frank Meyer. Er setzt dabei auf die Kooperation mit Lieferanten und Kunden sowie die Zusammenarbeit mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter Hans-Peter Burghardt aus Herford.

Ein Blick aus der Vogelperspektive auf das Betriebsgelände der Meyra-Gruppe in Kalldorf. - © Foto: privat
Ein Blick aus der Vogelperspektive auf das Betriebsgelände der Meyra-Gruppe in Kalldorf. (© Foto: privat)

Im Namen der IG Metall warnt deren Erster Bevollmächtigter Reinhard Seiler bei allem Verständnis für die Sorgen der rund 500 Beschäftigten vor Panikmache: "Ich sehe große Chancen in einer Insolvenz. Wir müssen alles dransetzen, um den Betrieb zu stabilisieren." Er, Seiler, werde sich heute mit Betriebsrat und Geschäftsführung zusammensetzen, um die Lage auszuloten.

Für den Gewerkschafter kommt der Insolvenzantrag nicht überraschend. "Es gibt dort seit mehreren Jahren Auslastungsprobleme und Kurzarbeit." Auch die Arbeitszeit sei phasenweise abgesenkt worden. "Das war für die Mitarbeiter schon ein finanzieller Einschnitt, unter dem sie gelitten haben", betont Seiler und unterstreicht: "Die neue Situation bedeutet keinesfalls, dass alle Lichter ausgehen."

Als Grund für den Antrag nennt Meyer "untragbare Altlasten", das europaweit sinkende Erstattungsniveau für Rehabilitationsmittel und das Ausbleiben von Zahlungseingängen. Im Herbst vergangenen Jahres habe man bereits ein Maßnahmenprogramm eingeleitet, um Produktion, Vertrieb und Verwaltung neu aufzustellen. Dessen wirtschaftlicher Erfolg werde sich aber erst im laufenden Jahr zeigen können.

Bis zum 1. Juni 2013 soll die erste Gläubigerversammlung erfolgt sein. Die Entscheidung über einen möglichen Neuanfang von Meyra wird ebenfalls zu diesem Datum erwartet. Unterdessen, versichert Meyer, werde die Geschäftstätigkeit fortgesetzt. Bestehende und neue Aufträge würden ausgeführt. Die Gruppe wolle nach wie vor an Messen teilnehmen und auch die Modellentwicklungen fortsetzen.

Fazit des Geschäftsführers: "Wir kämpfen um Meyra mit guten Aussichten." Er gründet diese Zuversicht auch auf "die Haltung der Mitarbeiter, der Unternehmerfamilie und vieler Partner im Handel, die Solidarität bekundet haben". Meyer abschließend: "Unsere Marke hat über Jahrzehnte hinweg Kultur made in Kalletal auf internationalen Märkten geprägt und sich konsequent weiterentwickelt. Dieses Guthaben ist die Zukunft des Unternehmens und seiner Mitarbeiter."

Die Meyra-Gruppe, deren Umsatz im Jahr 2011 nach eigenen Angaben "im dreistelligen Millionenbereich" lag, hat für insgesamt neun Firmen Insolvenzantrag gestellt, darunter auch die Petri + Lehr GmbH in Dietzenbach, die auf Pkw-Umrüstungen für körperbehinderte Autofahrer spezialisiert ist.

Kalletals Bürgermeister Andreas Karger (CDU) spricht in einer ersten Stellungnahme von einer "Hiobsbotschaft für die Gemeinde". Beide Seiten verbinde ein jahrzehntelanges gutes Miteinander. Meyra sei nicht nur größter ortsansässiger Arbeitgeber, sondern habe sich darüber hinaus in vielen sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen eingebracht. Er, Karger, hoffe für die Beschäftigten und das Unternehmen, dass das nun eingeleitete Insolvenzverfahren eine Chance für einen Neuanfang biete.

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Kommentar: Der Hungerstreik ist Geschichte

Die Nachricht hat wie eine Bombe eingeschlagen: Die weltweit agierende Firma Meyra, vor allem für ihre Rollstühle bekannt, ist in der Insolvenz, das Verfahren hat am Montag das Amtsgericht Detmold angeordnet. Noch halten sich die Verantwortlichen mit Informationen zurück, allerdings betont die Geschäftsleitung: "Wir kämpfen mit guten Aussichten." Und auch die Gewerkschaft ist "guter Hoffnung, dass bei Meyra die Lichter nicht ausgehen".

Das hoffen vor allem die annähernd 500 Mitarbeiter in Kalldorf, die um ihre Arbeitsplätze bangen – eine Job-Garantie für die nächsten Monate, wie sie ihnen nach LZ-Informationen gegeben worden sein soll, kann da nicht für Beruhigung sorgen. Die Hiobsbotschaft aus Kalldorf ist auch im Kalletaler Rathaus mit großer Sorge registriert worden – schließlich handelt es sich um den größten Gewerbesteuerzahler.

Und es werden Erinnerungen wach, an das, was sich in Kalldorf vor Meyra auf diesem Gelände in der Ortsmitte ereignet hat. Dort hatte die Firma Mannesmann in den 1970er Jahren 600 Arbeitnehmer entlassen – was damals sogar für einen ausführlichen Artikel im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über einen Hungerstreik sorgte.

Soweit dürfte es angesichts der jetzigen Meyra-Probleme sicherlich nicht kommen. Sämtliche Anzeichen deuten darauf hin, dass alle Seiten professionell und ziel­orientiert am Weiterbestand des Unternehmens arbeiten.

Von Wolf Scherzer (wscherzer@lz-online.de)

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