Philosoph sieht Gesellschaft bei Sterbehilfe auf Abwegen

Jürgen Wiebicke: "Tod darf nicht bestellbar sein"

veröffentlicht

  • 9
Bezieht Stellung zum Thema Sterbehilfe: der Philosoph Jürgen Wiebicke. - © Bettina Fürst-Fastré
Bezieht Stellung zum Thema Sterbehilfe: der Philosoph Jürgen Wiebicke. (© Bettina Fürst-Fastré)

Intensiv wird derzeit über Sterbehilfe diskutiert. Für den Philosophen und Journalisten Jürgen Wiebicke ist dies eine falsche Diskussion. Wie gehen wir mit Menschen am Ende ihres Lebens um? Diese Frage müsste die Gesellschaft viel mehr beschäftigen, fordert Wiebicke, der am Dienstag in Detmold einen Abend gestaltet.
Wie stellen Sie sich Ihr eigenes Lebensende vor?

Jürgen Wiebicke: Hm, ich glaube, dass meine Wünsche so sind wie die der meisten: Dass ich schmerzfrei in Anwesenheit meiner Liebsten sterbe und mit klarem Kopf bis zum Schluss.
Haben Sie Angst vorm Tod?

Wiebicke: Nein. Aber wir tun ja alle so, als ob der Tod eine Tatsache ist, die noch viel Zeit hat. Ab und zu schlägt aber mal der Blitz ins Leben ein. Ich glaube, das größere Problem haben wir alle mit dem Altern - ohne das gleich auf den Tod zu beziehen. Wir sparen das aus guten Gründen aus. Denn wenn man ständig über den eigenen Tod nachdenken würde, würde das Leben noch komplizierter.
Wie wird philosophisch derzeit über Tod und Sterben gedacht?

Wiebicke: In der Philosophie gibt es einen Streit darüber, ob der Tod ein Übel ist oder nicht. Die einen sagen: Ja, er ist ein Übel, weil der Mensch dazu geschaffen ist, in die Zukunft zu planen, der Tod aber Pläne vernichtet. Die anderen sagen: Nein. Nur weil Tag und Stunde zählen, bekommen sie eine Bedeutung. Wären wir nicht sterblich, wäre das Leben doch irgendwann langweilig und beliebig. Ich glaube, dass der Tod kein Übel ist, weil er dem Leben Bedeutung gibt. Nur kommt er meist ungelegen, weil man meist noch was Besseres vorhat, wenn er kommt.
Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit dem Sterbewunsch umgehen?

Wiebicke: Meine Grundauffassung ist: Der Tod ist so groß, dass alle scheitern werden, die glauben, man müsse nur passende Gesetze machen, dann könne man damit umgehen.
Letztlich geht es um die Frage, wer Leben nehmen darf?

Wiebicke: Ja. Die Sterbehilfe-Debatte ist ja im Grunde eine Variation der Selbstmord-Debatte. Einem Selbstmörder kann man aber auch nicht mit Gesetzen beikommen. Vielmehr muss es ein Bewusstsein dafür geben, dass es ein Skandal ist, wenn jemand nur noch diesen letzten Ausweg sieht. Wir müssen auf die Tragödie dahinter sehen und dürfen das Bewusstsein dafür nicht verlieren, dass es da offenbar einen Riss gibt, der durch Geschwätz von Autonomie bis zum Tod nicht zuzukleistern ist.
Wo lässt sich eine Grenze ziehen in der Diskussion? Oftmals wird kritisiert, das Menschen sterben wollen, weil sie eine Krankheit nicht aushalten wollen.

Wiebicke: Der Wunsch ist verständlich, aber der Tod darf nicht als Dienstleistung bestellbar werden. Selbst wenn jemand verzweifelt ist, hat er keinen Anspruch darauf, von jemand anderem diese Leistung zu erwarten. Gesetze können die Aufgabe, mit der Sterblichkeit klar zu kommen, nicht regeln. Es gibt Grauzonen, in denen alle Gesetzbücher unwirklich sind.
Ist das ein Plädoyer gegen die 
derzeitige deutsche Regelung, die aktive Sterbehilfe nicht erlaubt, aber ermöglicht, Medikamente zu überlassen, die zum Tode führen?

Wiebicke: Mich gruselt es bei dem Gedanken, dass jemand „Dr. Death“ bestellt und dann ein Arzt diese Leistung abrechnen kann. Ich bin massiv dagegen, den Berufsstand des Arztes so zu verändern, dass er in einem Moment um Leben ringt und im nächsten Sterbehilfe gibt. Eine Gesellschaft, die den Tod als Dienstleistung begreift, wird sich immer auch überlegen, wer Anspruch darauf hat. Ein soziales „Nutzen-Kalkül“ schwingt da immer mit.
Aber wie kommen wir raus aus der Klemme, wenn sich Menschen 
einen würdevollen Tod wünschen und wir ihnen Leiden ersparen wollen?

Wiebicke: Diese Form der Verzweiflung ist zum Glück 
selten. Ich denke, momentan ist es einfach besser, manche Dinge in einer Grauzone zu halten und das auch auszuhalten. Tötung oder die Hilfe zur Selbsttötung tötet auch das Menschliche.
Und Ärzten nötigt man Ihrer Ansicht nach dabei eine Verantwortung auf, die sie nicht tragen können?

Wiebicke: Ja, genau. Wer von der Autonomie bis zum Lebensende spricht, hat das Leben nicht verstanden. Wir sind nicht autonom bis zum letzten Atemzug. Wir haben uns nicht ausgesucht, geboren zu werden und haben immer wieder Situationen, in denen wir eine helfende Hand brauchen. Die intensive Diskussion über Sterbehilfe lenkt davon ab, dass die Tragödie eigentlich ist, dass alte Menschen allein gelassen werden und dass sie aus Sorge, jemandem zur Last zu fallen, sterben wollen. Das ist der 
eigentliche Skandal.
Es sollte also darüber diskutiert werden, wie wir mit Menschen umgehen, die am Ende ihres Lebens stehen?

Wiebicke: Meiner Meinung nach ist die Sterbehilfe-
Diskussion die perverse Spitze der Leistungsgesellschaft, in der man fit ist oder tot. Wir müssen wieder kultivieren, dass Gebrechlichkeit auch zu uns gehört, dass wir eben nicht immer autonom sind. Die großen 
Tragödien des Alters sind meines Erachtens Einsamkeit, Hilflosigkeit und Langeweile. Aus diesen Ängsten heraus wollen Menschen schnell sterben. Gegen Schmerzen kann man etwas tun, aber gegen die Einsamkeit gibt es keine Pille.
Das Interview führte LZ-Redakteur Thorsten Engelhardt

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2018
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

9 Kommentare
9 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!