Einser-Abis bedrohen den Mittelstand

Bildungsökonom spricht vor Handwerkskammer – Abiturienten sollen Ausbildung im Betrieb wählen

Martin Teschke

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Im Kreishaus: Hauptgeschäftsführer Michael Heesing, Präsidentin Lena Strothmann und Referent Dr. Rainer Bölling. - © Vera Gerstendorf-Welle
Im Kreishaus: Hauptgeschäftsführer Michael Heesing, Präsidentin Lena Strothmann und Referent Dr. Rainer Bölling. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Kreis Lippe/Detmold. Wenn weiter so viele gute Noten im Abitur vergeben werden, ist auch der Wirtschaftsstandort Lippe in Gefahr. Auf diese kurze Formel lassen sich die Thesen von Dr. Rainer Bölling bringen, der gestern im Kreishaus zu Gast war.

Bildungsökonom Bölling, der auf Einladung der Handwerkskammer Ostwestfalen-Lippe zu Bielefeld in Detmold referierte, griff gestern mit seinen Ausführungen in eine aktuelle Debatte ein. Seit zwei Wochen, also mitten in der Zeit der Entlassungsfeiern, wird vor allem in Nordrhein-Westfalen über den Wert des Abiturs diskutiert. Aufhänger sind häufig Meldungen (auch in der LZ) über eine steigende Anzahl von Einser-Abschlüssen. Experten wie Bölling sprechen mittlerweile von einer Inflation, die besonders das Handwerk hart trifft.

„Wenn sich der Notendurchschnitt Jahr für Jahr um drei Prozent verbessert, dann ist das doch wohl eine Inflation“, sagte Bölling vor den Vertretern der Handwerkskammer OWL. Diese Inflation hat seiner Meinung nach gravierende Folgen. Die Noten verbesserten sich zwar. Aber die Schüler seien deshalb nicht automatisch klüger als die Generationen vor ihnen. Für Bölling sinkt damit logischerweise der Wert des Abiturs: „Die Fortsetzung dieser Politik führt zu einer wachsenden Überlastung der Hochschulen und des Arbeitsmarktes für Akademiker sowie zu einem Nachwuchsmangel im dualen System.“

Während also beispielsweise das Handwerk händeringend nach Nachwuchs sucht, werden die Hochschulen und Universitäten überrannt. „Das muss doch auch frustrierend sein für die jungen Leute“, so die Vermutung des Bildungsforschers. „Immerhin brechen 33 Prozent der Studienanfänger ihr Studium an einer Universität wieder ab.“ Nach seiner Erfahrung gehen junge Leute, die eine Akademikerlaufbahn anstreben, inzwischen ein hohes Risiko ein, später einmal arbeitslos zu sein.

Bölling singt dabei – ganz im Sinne der Handwerker – das hohe Lied der dualen Berufsausbildung. „Schluss mit dem Akademisierungswahn!“, forderte er. Junge Menschen müssten schon in der Mittelstufe angesprochen werden, um ihnen den Wert der dualen Ausbildung näher zu bringen. Bölling schlug ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft vor.

Hören Sie hier ein Interview mit Bildungsforscher Dr. Rainer Bölling

CDU-Bundestagsabgeordnete und Handwerkskammer-Präsidentin Lena Strothmann gab dem Referenten zwar Recht, wollte aber wissen, wie dieses Umdenken erreicht werden könnte – worauf der Bildungsökonom allerdings auch keine Antwort hatte. Strothmann bezeichnete den steigenden Bedarf an Fachkräften als die derzeit größte Herausforderung des Handwerks. Seit 2003 sei die Zahl der Ausbildungsverträge in Ostwestfalen-Lippe um 150.000 zurück gegangen – das entspreche etwa einem Rückgang um 20 Prozent. Strothmann: „Für die meisten Eltern ist die duale Ausbildung für ihre Sprösslinge nur zweite Wahl. Das muss sich wieder ändern.“

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