Pivitsheider wacht über vier Millionen Produkte

Portrait: Der Lebensmitteltechnologe Hans-Jürgen Matern hat das Qualitäts- und das Nachhaltigkeitsmanagement beim Handelsriesen Metro aufgebaut. Er ist Präsident der weltweit wichtigsten Nahrungswächterorganisation

Marianne Schwarzer

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Im Gespräch: Jürgen Matern mit LZ-Redakteurin Marianne Schwarzer. - © Foto: Preuss
Im Gespräch: Jürgen Matern mit LZ-Redakteurin Marianne Schwarzer. (© Foto: Preuss)

Detmold-Pivitsheide. Kerniger Händedruck, schlohweißes Haar und stahlblaue Augen: Hans-Jürgen Matern steht an der Haustür seines idyllisch gelegenen Einfamilienhauses in Pivitsheide und strahlt den Besuchern entgegen. Dass er stramm auf die 60 zugeht, sieht man ihm nicht an.

Und schon gar nicht, dass er in den vergangenen Jahrzehnten einen der stressigsten Jobs im Handelskonzern Metro innehatte: Denn mit allen großen Lebensmittelskandalen von Nematoden im Fisch über BSE bis hin zum Antibiotikum im Hähnchenfleisch hat der Qualitätsmanager zu tun gehabt. „Als ich bei der Metro 1991 anfing, hatten wir ziemlich viele Krisen und sehr viele Rückholaktionen." Das hat sich geändert: Unter seiner Ägide hat die Metro stetig das Qualitätsmanagement vergrößert und intensiviert. War er zu Beginn fast allein für den Bereich zuständig, sind es heute 600 Mitarbeiter.

Information
Hans-Jürgen Matern ist 1956 in Bayern geboren und im Rheinland aufgewachsen. Der Ausbildung zum Chemielaboranten bei Bayer Leverkusen folgte das Studium der Lebensmitteltechnologie in Lemgo „wegen des damals schon guten Rufes". Berufliche Stationen waren Quaker Oats in Euskirchen und Nagut in Lage. 1991 wechselte Matern zur Asko, die 1993 von Metro übernommen wurde. Hier verbrachte er die letzten 25 Jahre seines Arbeitslebens als Leiter des Qualitätsmanagements beziehungsweise ab 2010 mit dem Nachhaltigkeitsmanagement bei der Metro Group. Er verantwortet heute die Warensicherheit und Nachhaltigkeit in der gesamten Metro mit vier Millionen Produkten, die in fast 190 Ländern produziert und in Märkten von Japan bis Portugal, von Russland bis Indien verkauft werden.

Die Metro produziert zwar nicht selbst, doch sie gibt den Produzenten die Standards vor, und hier kommt auch die Hochschule Ostwestfalen ins Spiel: „Wir definieren gemeinsam Produkte, die später in der Industrie hergestellt werden. Die Hochschule entwickelt High End, beherrscht aber den Standard. Für uns ist diese Partnerschaft sehr wichtig. Denn kaum einer der mittelständischen Produzenten kann sich eine eigene Forschungsabteilung leisten."

Eines der Projekte mit der Hochschule war beispielsweise die Entwicklung einer dynamischen Haltbarkeitsanzeige für Fleisch, so dass der Verbraucher sich nicht nur auf das gewohnte Haltbarkeitsdatum verlassen muss.

Die Hochschule ist aus Sicht der Wirtschaft ein Fundus in Sachen Personal und Wissen. „Die Lebensmitteltechnologie 4.0 ist mit Blick auf die Zukunft ungeheuer wichtig."

Womit wir bei dem angelangt wären, was dem Wahllipper und seinem Arbeitgeber besonders am Herzen liegt: „Es geht nicht mehr nur um Qualität, sondern um Nachhaltigkeit. Die Nahrungssicherung für eine wachsende Weltbevölkerung ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit."

Das Beispiel des Handelsriesen macht Schule: So hat jüngst der US-Außenminister John Kerry auf der Ozeankonferenz das Metro-Kontroll-System als leuchtendes Beispiel dargestellt. Und nicht von ungefähr war es ausgerechnet Hans-Jürgen Matern, der als oberster Qualitätssicherer der Metro 2010 in Washington DC zum Präsidenten der Global Food Safety Initiative (GFSI) gewählt wurde. Sie ist Teil eines weltweiten Zusammenschlusses von Produzenten aus 70 Ländern.

„Ich bin ein Netzwerker", sagt Hans-Jürgen Matern, der nicht nur das Qualitäts- und Lebensmittelrechtsteam des Deutschen Handels betreut hat: Erst im vergangenen Monat hat er seinen Sitz im Aufsichtsrat des Internationalen Food Standard (IFS), über den jährlich etwa 20.000 Lebensmittelhersteller weltweit ihr Hygiene- und Qualitätsmanagement überprüfen lassen, abgegeben.

Der Vater von zwei Söhnen verhandelt mit den Mächtigen der Welt – nicht zuletzt auch mit dem britischen Thronfolger Prinz Charles in Sachen Nachhaltigkeit. Abgehoben wirkt er jedoch keine Sekunde lang. Dass er ein Viertel des Jahres um die Welt jettet, macht ihm nichts aus: „Ich kann im Flugzeug schlafen." Es sei schon toll, auf der internationalen Bühne zu spielen und etwas zu bewegen. „Das Drumherum brauche ich nicht. Da freue ich mich auch auf Zuhause", sagt er mit Blick auf die malerischen Hügel hinter dem Haus.

Langsam zieht sich Hans-Jürgen Matern jetzt aus dem Arbeitsleben zurück. Durchschnittlich zwei Tage in der Woche arbeitet er noch für Metro und repräsentiert das Unternehmen in internationalen Gremien, „Vieles kann ich auch von daheim erledigen." Dann hat auch seine Ehefrau Renate mehr von ihm. „Sie hat mir in vielen Dingen den Rücken freigehalten, dafür bin ich sehr dankbar."

Hat er sich eine solch steile Karriere jemals vorstellen können? „Dass es so würde, natürlich nicht. Ich hatte mir einen Plan gemacht: Ich wollte erst in eine große Firma, um die Technik zu lernen, dann in eine kleine, um mir das Unternehmerische anzueignen. Und dann wollte ich durchstarten." Und das ist ihm wahrlich gelungen.

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