Innere Sicherheit: Legale Waffen sind sehr gefragt

Wachsende Ängste wegen Terroranschlägen, Einbrüchen und Übergriffen lassen die Nachfrage nach Abwehrsprays und Schreckschusspistolen steigen

Erol Kamisli

Ab 18 frei verkäuflich: Mareen Engel, Sachbearbeiterin für Waffenrecht bei der Kreispolizeibehörde, zeigt eine Schreckschusspistole. - © Bernhard Preuß
Ab 18 frei verkäuflich: Mareen Engel, Sachbearbeiterin für Waffenrecht bei der Kreispolizeibehörde, zeigt eine Schreckschusspistole. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Die einen haben Angst vor Einbrechern, die anderen beschleicht seit den Terrorwarnungen und den jüngsten Übergriffen auf offener Straße ein sehr mulmiges Gefühl. Vor allem die Waffenbranche spürt das wachsende Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung: Die Absatzzahlen steigen - auch in Lippe.

"Die Nachfrage nach frei verkäuflichen Selbstverteidigungsmitteln steigt", bestätigt Hans Kratz, der in Lemgo ein Waffengeschäft führt. Im Sortiment hat er verschiedene Selbstverteidigungsmittel - das sind hauptsächlich Schreckschusspistolen und Abwehrsprays, die von immer mehr Kunden zur eigenen Sicherheit gekauft werden.

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Belästigungen

Die sexuellen Übergriffe durch mutmaßlich arabisch aussehende Männer in der Silvesternacht in mehreren deutschen Städten sind derzeit Thema Nummer eins. Auch in Detmold sollen in der Neujahrsnacht drei Frauen von einem Mann attackiert und sexuell belästigt worden seien. Zudem soll es in und vor Diskotheken zu Belästigungen gekommen sein. Einen Vorfall in der Detmolder Diskothek Hermanns bestätigt Geschäftsführer Nico Thebille. "Im Dezember vergangenen Jahres haben drei Männer, die nur Arabisch gesprochen haben, unsere weiblichen Gäste aggressiv angetanzt und belästigt", erinnert sich Thebille. Trotz der Beschwerden der Frauen hätten sie keine Ruhe gegeben. "Wir mussten den Männern in diesem Fall ein Hausverbot erteilten", sagt Thebille. Zur Anzeige sei der Vorfall nicht gebracht worden, da er durch das Hausverbot gelöst worden sei. Doch dies sei der einzige Vorfall, der sich in den vergangenen Wochen ereignet habe. "Sonst haben wir hier absolut keinen Ärger mit Übergriffen oder Belästigungen", betont Geschäftsführer Nico Thebille.

Auch bundesweit registriert die im Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler organisierte Branche in dieser Sparte 2015 einen Absatzboom. "Nach den Terroranschlägen und den Terrorwarnungen in Deutschland erleben unsere Fachhändler einen massiven Andrang. Der Verkauf von Pfefferspray, Reizgas und Schreckschusspistolen hat sich im Vergleich zu 2014 mindestens verdoppelt", sagt Verbandsgeschäftsführer Ingo Meinhard. Nach den Übergriffen an Silvester in verschiedene Städten werde der Umsatz wahrscheinlich weiter steigen. "Inzwischen bieten sogar Apotheken Pfefferspray an", sagt Meinhard.

Aber nicht nur Abwehrsprays, sondern auch Schreckschusswaffen seien gefragt. "Die Leute kommen in unsere Läden und sagen ,Ich habe Angst, bitte helft mir?", erklärt der Verbandsgeschäftsführer. Nach einer ausführlichen Beratung und einer "Angstanalyse" würden den Kunden passende Angebote unterbreitet. Wenn jemand einen Einbruch befürchte, dann könne zum Beispiel eine Schreckschusspistole in den eignen vier Wänden zur Sicherheit beitragen. Meinhard: "Allein das Geräusch vom Durchladen der Waffe wirkt auf die Diebe abschreckend."

Dies bestätigt auch der Lemgoer Hans Kratz. Wer in seinem Geschäft eine Schreckschusspistole erwerben möchte, müsse einen Personalausweis vorlegen und damit seine Volljährigkeit nachweisen. Zu den gängigen Schreckschusspistolen zählt etwa die "Walther P 99" für rund 160 Euro. "Legal frei" bedeute aber keinesfalls, dass man mit dieser Pistole aus dem Laden spazieren und mit ihr in aller Öffentlichkeit hantieren darf. "Auch Schreckschusspistolen fallen nach dem Waffengesetz unter das sogenannte Führverbot", betont Kratz.

Soll heißen: Der Transport muss immer in verschlossenen Behältnissen und getrennt von der Munition erfolgen. Selbst wer den "Kleinen Waffenschein" besitze, dürfe solch eine Pistole in der Öffentlichkeit nur "verdeckt am Mann tragen". Hält sich der Waffenbesitzer nicht an die Vorschriften und Regelungen, mache er sich strafbar. "Auf all dies weisen wir unsere Kunden in Verkaufs- und Beratungsgesprächen hin", sagt Kratz. Auffällig: In der Sparte "Scharfe Waffen" sei der Verkauf konstant bis sinkend.

Auch wenn es widersprüchlich erscheint: Seine Freude über das gestiegene Kundeninteresse hält sich in Grenzen. "Ich bin alles andere als froh darüber, dass von einer angeblichen Aufrüstung die Rede ist, denn sie schürt die Angst nur noch weiter", sagt Kratz. Und Ingo Meinhard fügt hinzu: "Deutschland ist statistisch immer noch eines der sichersten Länder der Welt." Hier könne niemand "einfach so" in ein Laden gehen und eine scharfe Waffe kaufen.

Die Kreispolizeibehörde Lippe weist auf die Richtlinien, Vorschriften und Gesetzte hin, die auch beim Kauf legaler Selbstverteidigungsmittel gelten. "Jeder sollte sich im Waffengeschäft ausführlich beraten lassen, bevor er zum Spray oder zu Schreckschusspistole greift", rät Polizeisprecher Uwe Bauer.

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