Der Süpermarket in Heiligenkirchen ist ein Anlaufpunkt für Flüchtlinge

Im Geschäft von Bülent Köse und Ergün Yetisken versorgen sich vor allem muslimische Kunden mit Fleisch

Marianne Schwarzer

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Innereien und Geflügel sind bei Flüchtlingen beliebt: Das weiß nicht nur Ladenbetreiber Bülent Köse, sondern auch Fleischer Ibrahim Karaman. - © Marianne Schwarzer
Innereien und Geflügel sind bei Flüchtlingen beliebt: Das weiß nicht nur Ladenbetreiber Bülent Köse, sondern auch Fleischer Ibrahim Karaman. (© Marianne Schwarzer)

Kreis Lippe. Zwar ist es so kurz nach dem Jahreswechsel in den Gängen zwischen den Regalen noch recht still: Doch die Zahl der Kunden im "Süpermarket" an der Paderborner Straße in Heiligenkirchen steigt stetig. "Sie hätten mal sehen sollen, was vor den Feiertagen hier los war", sagt Betreiber Bülent Köse.

Er ist als Türke in Detmold geboren und selbst Muslim. Viele Flüchtlinge teilen seinen Glauben und sind dankbar für diesen Laden und vor allem für die Fleischabteilung. "Teilweise kommen sie sogar busweise", erzählt er, wie Bewohner aus den Unterkünften in sein Geschäft gelangen. "Die Flüchtlinge aus Blomberg werden regelmäßig mit dem Bulli hergefahren."

Bülent Köse und Ergün Yetisken haben sich auf ihre internationale Kundschaft und deren Sonderwünsche eingestellt. Migranten aus Osteuropa und Russland bekommen hier traditionell eingelegtes Gemüse und spezielle Süßwaren aus ihrer Heimat, während Menschen aus dem arabischen Raum unter anderem aus zig unterschiedlichen Teesorten wählen können. Türken finden hier Fertigmischungen für traditionelle Backwaren, hergestellt in Bielefeld.

Und seit immer mehr Syrer zum Kundenstamm gehören, gibt es hier auch deren Lieblingstee - im Verein mit dem entsprechenden Zubehör: "Das wusste ich vorher auch nicht, aber in Syrien wird Tee gern im Glas mit Wasser überbrüht", erzählt Köse. Dann trinkt man ihn mit einem speziellen Löffel, dessen Stiel wie ein Strohhalm mit einem kleinen Sieb am unteren Ende geformt ist: So bleibt der Prütt im Glas.

Die Muslime könne sich hier mit vielen Lebensmitteln eindecken, die ihrem Glauben entsprechen. "Fast alles hier bei uns ist halal. Sie werden hier kein Schweinefleisch und keinen Alkohol finden." Das gilt natürlich in besonderer Weise für alles, was Fleischer Ibrahim Karaman hinter seiner Theke bereit hält: Neben Hühnerinnereien wie Herzen, Mägen und Leber stapeln sich hier Putenhälse, gewürzte Hähnchenflügel und Knochen. Die Geflügelabteilung nimmt fast die Hälfte der Auslagen ein, dahinter reihen sich Rindfleisch und eine kleinere Abteilung mit Lammfleisch ein.

"Wir schlachten hier nicht selbst", erklärt Ibrahim Karaman. Das Fleisch wird aus speziellen Halal-Schlachtereien in Hannover und Dortmund geliefert. Zwei Mal pro Woche gibt es frischen Fisch, "den kaufen auch die Syrer besonders gern."

Im Kühlregal finden sie Käse, der ohne Zusatz von tierischen Enzymen hergestellt wird, und Halal-Wurst. Denn hier kommen oft Enzyme von Schweinen zum Einsatz. Einige der türkischen Wurstsorten im Kühlregal sind mittlerweile von deutscher Wurstherstellung beeinflusst: "Solche Sorten gibt es in der Türkei nicht zu kaufen, manch ein Türke nimmt sie mit, wenn er nach Hause fährt", erzählt Bülent Köse lachend.

Mit ihrem "Süpermarket" sind er und sein Partner gut aufgestellt, sie gehören zu den größten Anbietern in Lippe, die auch Frischfleisch im Sortiment vorhalten. Weil die Zahl der Zuwanderer steigt, müssten sich die international aufgestellten Geschäfte wohl in nächster Zeit keine Gedanken um Kundenmangel machen, sagt Köse. Für die Zuwanderer sei es ein Segen, dass sie hier vertraute Dinge in den Regalen finden: "Es ist ein Stückchen Heimat", beschreibt er, was den Kunden das Einkaufen verschönt.

Ein Muslim muss das Tier schlachten

Kreis Lippe (an). Halal bedeutet "das Zulässige, Erlaubte und Gestattete". Das Gegenteil von Halal ist Haram, was für "das Unzulässige, Verbotene und nicht Gestattete" steht. So schreibt es die die Prüf- und Zertifizierungsstelle für Halal-Lebensmittel, "Halal Control", auf ihrer Internetseite.
Die Regeln sind streng, beispielsweise auch beim Schlachten: Danach sei es Muslimen verboten, ein Tier in Anwesenheit eines anderen Tieres zutöten, es darf die Todesschreie anderer Tiere nicht hören und auch das Wetzen des Messers miterleben. Der Schlachter muss dem Islam angehören.
"Beim Schlachtvorgang selbst ist es vorgeschrieben, dass der Schlachter sich für jedes Tier Zeit nimmt, zunächst wird das Tier beruhigt, das heißt streicheln, gut zureden, essen oder trinken anbieten und erst wenn das Tier ruhig und entspannt ist, darf zum Schnitt angesetzt werden. Dieser muss schnell und professionell ausgeführt werden. Das Messer muss sehr scharf sein und nach jedem Schächtvorgang neu geschärft werden, damit mit einem einzigen Schnitt Luftröhre, Speiseröhre und die beiden Halsschlagadern durchtrennt werden."
Nach deutschem Recht bekommen die Tiere einen Stromschlag versetzt, der sie betäubt. Erst dann darf der muslimische Schlachter das Messer ansetzen und es mit einem Schnitt am Hals so töten, dass alles Blut aus dem Körper entweicht. Auch der Segensspruch vor der Tötung des Tieres darf nicht fehlen.
Im Heiligenkirchener "Süpermarket" finden sich auf vielen Produkten Halal-Siegel, unter anderem Haribo-Produkte ohne Schweinegelantine. Übrigens sei Verbotenes dann erlaubt, wenn es nicht anders geht, sagt Ladenbetreiber Bülent Köse: "Wenn es ein bestimmtes Medikament nur mit Alkohol oder Gelantine gibt, zum Beispiel."

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